Generation mit beschränkter Haftung

Manchmal möchte man seinen Zorn einfach nur rausschreien, Leute schütteln, Kirchtürme besetzen und dann die Glocken läuten. Fünf Minuten vor Mitternacht. Gründe gibt es viele, der wohl wichtigste ist die Klimakatastrophe. Aber “man” tut nichts, man konsumiert, pflegt (wenn man älter ist) seine Wehwehchen und wählt eine der herkömmlichen Parteien.

Als Teil der Generation X (das sind die, deren Eltern meist Boomer sind/waren) lernte man in der Schule (ein Teil der Lehrer hatte ’68 studiert, ein Teil waren Boomer und große Teile des Rests war mal bei HJ oder BDM) beinahe nichts über Klima, Umwelt oder Politik. Die Perspektiven waren mies, jeden Tag konnte “der Russe” auf den Knopf drücken und man verwandelte sich – wenn man Glück hatte – umgehend in Asche. Terroranschläge überall (dagegen ist heutzutage kaum was los), die RAF gab es auch noch, die DDR auch. Und Helmut Kohl.

“No future” war nicht nur ein Schlagwort, es war auch eine Perspektive.

Die Welt der 80er war scheiße, es ging langsam abwärts und die Generationen vor uns (die zumindest noch auf die Straßen gingen, wenn ihnen was nicht gepasst hat) waren “Schuld”. Man war nicht verantwortlich, man konnte nichts ändern – also warum nicht Party machen, saufen und rumvögeln?

Dann fiel die Mauer. Der Sozialismus hatte sich im Bewusstsein der Leute endgültig disqualifiziert, man musste nur in die Ex-DDR fahren und mit den Opfern reden.

Die 90er folgten und gelten nicht ohne Grund als das wahrlich hedonistischstes Jahrzehnt ever – die Zukunft konnte positiv sein, “der Russe” war “besiegt” und sein Land zerfiel. Die Länder des Ostblock hatten ihre sozialistischen Ketten abgeworfen, China hatte keiner am Radar und in den USA … ok, lassen wir das. Auf jeden Fall wollte sich niemand mit negativem Zeugs beschäftigen.

Man ist aber auch für das verantwortlich, was man NICHT tut.

Wir haben durch Ignoranz das Umweltthema verkackt, ganz offen gesagt. Das mit dem Klima war bekannt, gejuckt hat es kaum einen, getan hat so gut wie niemand was. Ja, ich auch nicht, ich habe zwar kurz ein Jahr bei Greenpeace etwas mitgemischt am Rand, aber “die” waren mehr an PR-Stunts zu leicht verständlichen Themen interessiert als am großen Ganzen.

Auch später, nach der Jahrtausendwende, passierte nichts. Erst 2009 platzte mir der Kragen, ich begann Politik zu machen bei den Piraten – in den letzten Jahren läuft das aber auch eher so mittel. Und für Umweltschutz ist meine Partei nicht wirklich bekannt (Kompetenz wird mehr anderen zugestanden als uns) obwohl das Thema unser komplettes Programm durchzieht – anstatt als Phrasensammlung in einem extra Kapitel abgeschoben zu werden. Gut, wer liest schon Programm, oder?

Auch wenn uns seit, sagen wir mal spätestens zehn Jahren, klar ist dass “die Natur” uns jedes Jahr kräftiger in den Arsch tritt (gut, meist den Menschen in den armen Ländern des Südens) bewegten wir als Generation uns meist nicht – maximal ein Kreuzchen bei den Grünen, die ja auch nicht wirklich was erreichen, und ein bisschen Ablass-Spenden an Hilfsorganisationen. Aber getan? Die wenigsten, und wenn, nur marginal.

“Die jungen Leute von heute”

Wenn ich mir die legitimen Proteste und größtenteils auch legitimen Aktionen der letzten Generation ansehe, dann wird mir warm ums Herz. Endlich wieder jemand, der Rabatz macht, der dem eingestaubten System Dampf macht. Die Hetze und die Lügen vonseiten der BILD und anderer Schmierblätter haben sie nicht verdient, sondern unser aller Hilfe.

Nein, nicht klatschen – helfen.

Wenn sie Straßen blockieren, ist das für mich legitim – in Anbetracht der kommenden Katastrophe wäre sogar mehr als das legitim. Am besten dort wo man die Verantwortlichen ausbremst. Zufahrten zu Ministerien (also alle) zum Beispiel,Raffinerien oder Kraftwerke – die Symbolbilder (denn darum geht es ja) gibt es da auch, nur die “normalen Leute” sind nicht so angepisst weil sie nicht auf die Arbeit kommen. Oder zum Kunden. Oder zum Patienten. Oder …

Du bist, was du tust, nicht, was du sagst.

Von der Generation vor uns, also den Boomern, können wir nicht erwarten, dass sie was tun – die sind, mit Verlaub, meist schon zu alt. Die Generation(en) nach uns sind aktiv. Und wir?

Auch bei uns krachen schon mal die Knochen und es zwickt, aber wir haben viel nachzuholen. Wenn sich Leute ankleben, könnte man sich einfach dazusetzen. Geld für Material, Kram oder Anwälte hilft sicher auch. Es soll sogar möglich sein, mit Ü40 mitzumachen. Die Leute brauchen auch Zuspruch.

Bewegt euren Arsch. Und lasst euch nicht abschrecken von veganem Essen, Gendern und 18-jährigen Klugscheißenden, die alles besser wissen, aber keinen Nagel gerade irgendwo rein klopfen können – darum geht es nicht. Es geht um die Zukunft.

Download as ePub


Kommentare

9 Kommentare zu Generation mit beschränkter Haftung

  1. Jochen Mayer schrieb am

    Sorry, aber wenn hier die Leute die durch Festkleben Kunstwerke kaputt machen oder Rettungsdienste blockieren und Menschenleben gefährden verherrlicht werden dann bin ich hier raus….

    Übrigens, auch in den jüngeren Generationen gibt es eine Mehrheit denen Wohlstand und Fortschritt wichtiger ist als Linksgrüner Aktivismus. Piraten waren ja mal eine Freiheitspartei, heute eine Partei der Weltenretter. Da sehe ich den entscheidenden unterschied und auch grund warum Piraten nicht mehr gewählt werden. Mehr Wirtschaftswachstum ermöglich auch mehr Investitionen in Solar Anlagen und Energiewende, sowie neue Formen der Landwirtschaft wie Urban Farming oder Vertical Farming die ökologischer sind. Alles neue Zukunftstechnologien. Früher waren Piraten ja mal eine Technik Partei, heute sind Sie eine Partei von Linksgrünen die die Lösung nicht mehr in Technik sehen sondern in Moral und Verzicht.

    Sehr schade, mir fehlt derzeit eine Freiheitliche Fortschritts und Technik Partei welche sich dem wissenschaftlichen Fortschritt verschreibt ! Ich will Optimisten wählen können welche die Zukunft gestalten wollen und nicht jammernde Linksgrüne Pessimisten oder korrupte CDU/FDPler….

    Viele grüße von einem EX Piraten !

    • Sperling schrieb am

      Kein einziges Kunstwerk wurde zerstört, auch wenn dies gewisse … Hetzblätter suggerieren. Und wir sind noch immer eine Bürgerrechtspartei mit hoher Affinität zu Technik – aber eben nicht technikgläubige Trekkies wie bei den ****, die Atomkraft und Gentechnik begrüßen.

      • Jochen Mayer schrieb am

        Jochen Mayer Atomkraft und Gentechnik wären aber Technologien um unsere Umwelt zu schützen. Weniger Ackerland verbrauchen aufgrund höherer Produktivität und weniger CO2 Ausstoß. Genau das würde ich mir von einer Liberalen Fortschrittspartei und Technik Partei wünschen. Aber das seid ihr nicht, ihr seid einfach nur Linksgrün und das wars dann auch schon.

        • Sperling schrieb am

          Schon wieder diese querdenker-wording von “linksgrün” … ich geh mal davon aus dass das kein Zufall ist.

          kwt

          Plonk

        • Jochen Mayer schrieb am

          Bei euch Piraten ist es also üblich Menschen mit anderen Meinungen als Querdenker zu diffamieren ? Üblich Wokes verhalten halt, entweder hast du 100% unsere Meinung oder du bist ein Rechtsextremer Spinner. Kein wunder das euch niemand mehr ernst nimmt !

        • Sperling schrieb am

          Genau diese Aggressivität und Überempfindlichkeit ist das Problem. Und der wiederholte Gebrauch gebrauch von “Woke” im Kontext einer Herabsetzung bestätig mich persönlich in meiner Einschätzung. Hinzu kommt die Generalisierung “ihr Piraten” auf eine gesamte Personengruppe, obwohl hier nur ich alleine antworte. Tja ….

          Ich kann mir nicht helfen, aber jemand der so einen Sprachgebrauch hat, der wählt normalerweise sowieso keine sozial-liberale Bürgerrechtspartei. Bin da also ganz entspannt, geh bitte wo anders … provozieren.

          https://de.wikipedia.org/wiki/Ententest

        • Sperling schrieb am

          Transparenzhinweis: Ein weiterer Kommentar der Person wurde nicht veröffentlicht, da wir hier niemand Raum geben für Diffamierungen. Das wird auch weiter so bleiben.

  2. Utopist schrieb am

    Überall kommen Rechtspopulisten an die Macht… das liegt auch daran das Linke heutzutage sich nur in Dystopien und negativen Zukunftsvisionen ergehen die niemand hören will…. Da braucht es endlich mal wieder Parteien/Gruppen die klare Utopien und Ideen vertreten !

  3. Joachim S. Müller schrieb am

    Also ich für meinen Teil (Jahrgang ’73) betrachte mich hier in Mitteleuropa eher als Generation Golf. Wir sind vor allem wenige: Unsere Generation beginnt mit dem Pilleknick um ’72. Das hat meist unterschätze Auswirkungen. Wir haben keine Stimme, keine politische Auswirkung, und keiner der mehr als doppelt so vielen Boomer macht für uns Platz. Weder für Job, insbesondere dort nicht für relevante Positionen noch für Politik in relevanten Mengen. Oft heute noch. Die Masse der älteren Wähler hat unsere Meinunng einfach weggewählt.

    Und wir haben viel über die Umwelt gehört und für sie gemacht. Wir haben die Warnungen des Club of Rome wahrgenommen. Die Eindrücke der Ölkrise und ihrer Folgen aus unserer Kindheit waren stark. Tschernobyl hat die letzten von uns geweckt. Friedensdemos, Anti-Atom, Startbahn West. Man kann denken was man will, aber 1989 wurde das letzte AKW in Deutschland in Betrieb genommen. FCKW wurde verboten, seit das wirkt schrumpft das Ozonloch. Schwefeldioxysausstoß wurde massiv redutziert, das Waldsterben dadurch war erheblich vorher. Die Grünen zogen unvorstellbarer Weise in den ersten Landtag ein. In den Schulen und privat machen wir Recyclingprojekte, haben Biotope gebaut. Wir haben die Gänge für die Amphibien unter Straßen durch gregraben. Das erste Passivhaus der Welt wurde 1991 in Deutschland gebaut (steht übrigens hier in der Nachbarschaft).

    Ja, und wir haben den ersehnten Zerfall des Kommunismus gefeiert. Und gesehen, dass im Ostblock Umweltschutz schlicht kein Thema war. Ungedämmte Plattenbauten, Heizung dauer-an, Fenster auf zum regulieren. Muss ja der Staat bezahlen. Alles verrust wie man sich die Anfänge der Industralisierung im Jahrhundert vorher vorgestellt hatte und mehr Schwefeldioxyd als man fassen konnte. ’95 war ich bei einem Hilfsgütertransport nach Rumänien dabei, das gerade erst der kommunistisch-autoritären Herrschaft entwachsen war. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie kaputt da alles war.

    Und heute feiern wir die Besetzer der Tagebaubagger, Waldschützer, die Freiheitskämpfer auf den Meeren, sei es für Geflüchtete oder für Meeressäuger. Und hoffen inständig, dass die öffentliche Meinung nicht zu sehr durch hirnlose Aktionen ohne ersichtliches Ziel runtergezogen wird und es mit dem Umweltschutz trotzdem weiter aufwärts geht. In einer Bewegung, die im kleinen schon vor uns anfing und bei uns richtig wuchs und jetzt weiter wächst. Wir sind Zwerge auf den SChultern von Riesen. Auch die Generationen Y und Z sind das. Wird Zeit, dass sie sich mehr mit dem befassen, was es da schon vor ihnen gab.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Newsletter

Um unseren Newsletter zu abonnieren geht bitte auf diese Seite und abonniert die Liste.

Archiv aller Artikel