Die Abwertung der Arbeitslosen.

Jobcenter - Hartz 4

Ein Gastartikel von Arko Kröger 

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen. Vor ein paar Jahren hatte ich mich mit meinen Eltern verkracht. Ich bin damals zu meiner Oma weggelaufen. Dort hatte ich leider keine Perspektive. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Ich hatte gerade erst meine Berufsvorbereitende Maßnahme abgeschlossen. Und das, was ich danach hätte machen sollen, war einfach zu weit weg von meiner Oma. Ich hatte das erste Mal eine Erfahrung mit Arbeitslosigkeit gemacht.

Es war scheiße.

Die fehlende Tagesstruktur setzte mir zu. Ich duschte immer seltener. Mein Appetit sank. Ich kam immer schwerer aus dem Bett. Ich rührte mein Frühstück immer seltener an. Nicht mal mehr meine Videospiele machten mir Spaß. Meine Konzentration war im Arsch. Nach circa 6-8 Monaten brachte ich meine ersten Selbstmordwitze. Ich rutschte zum ersten Mal ins Untergewicht (Wobei ich auch schon vorher hart an der Grenze war).

Ich bekam meine Depressionen.

Dann machte mir mein Onkel eines Tages ein Angebot. Er ist ein Freelancer-Informatiker, arbeitet von zu Hause aus und hat zu der Zeit an etwas mit Zähnen und 3D-Druckern gearbeitet. Er erlaubte mir, als Praktikant gewissermaßen selbstständig Java zu lernen. Ich hatte feste Arbeitszeiten, arbeitete an meinen kleinen Projekten, und wenn ich Hilfe brauchte, dann gab er mir immer leicht verständliche Antworten.

Als ich dann am Abend mich wieder zum Zocken an den Computer setzte, merkte ich etwas Seltsames.

Ich hatte Spaß.

Nicht nur beim Spielen.

Als ich an meinem Projekt arbeitete, da war ich tatsächlich motiviert! Es machte mir Spaß, Algorithmen zu schreiben. Ich hab darüber nachgedacht, wie ich mein Programm am besten gestalte, und es freute mich jedes Mal, wenn ich weiterkam.

Selbstverständlich habe ich zunächst das einzig rationale getan: Mich zu fragen, ob ich vielleicht endgültig wahnsinnig geworden bin.

Aber… Nein. Das war es nicht.

Dann realisierte ich: Es gab etwas in mir, was wirklich arbeiten wollte. Ein Bedürfnis. Nicht nach Geld. Sondern nach einer sinnvollen Aufgabe.

Nach 2 Aufenthalten in 2 psychiatrischen Kliniken (nach dem ersten blieb das nachfolgende Angebot auf der Strecke und ich war SCHON WIEDER ein Jahr arbeitslos) bin ich nun aktuell in der sozialen Reha, und versuche, einen Weg für mich zu finden.

Warum ich euch das erzähle? Weil es mir eine wichtige Erkenntnis gab, welche meine heutige Meinung stark geprägt hat: Menschen haben ein inneres Bedürfnis nach einer sinnvollen Aufgabe, nach einem Arbeitsplatz.

Auf Hartz 4-Empfängern wird seit Jahren herumgehackt. Ganz besonders abscheulich war diese Broschüre von Wolfgang Clement, welche Arbeitslose zu Schmarotzern erklärte. Heute versucht die Ampel, zumindest Teile der Reformen wieder rückgängig zu machen, mit dem Bürgergeld. Doch die CDU droht, im Bundesrat zu blockieren. Die Arbeiter werden gegen die Arbeitslosen ausgespielt. „Leistung muss sich lohnen“, brüllen deren Abgeordnete durch die Gegend. Dass die Löhne vielleicht einfach zu niedrig sind, als dass sich Leistung rentieren könnte, kommt denen nicht in den Sinn. Und warum ist das so? Weil Hartz 4 ein vollkommen falsches Menschenbild zugrunde liegt.

Hartz 4 ist von Grund auf so gestaltet, dass Arbeitslosen wirklich nur das absolute Minimum gegönnt wird. Es gibt so viele Geschichten dazu, wie kleinkariert dabei vorgegangen wird. Dazu empfehle ich das Buch „Die-Hartz-4 Diktatur“ von Inge Hannemann. Eine Geschichte, die mir sich ins Gedächtnis gebrannt hatte, war ein Urteil zu der Frage, ob ein Hartz-4-Empfänger, der als Kellner gearbeitet(!) hatte und kostenloses Essen von seinem Chef verrechnet bekam. Ich kann mir vorstellen, wie der Typ, der im Jobcenter saß, seine Faust ballte, als er von diesem skandalösen Verhalten erfuhr.

„Diese Sozialschmarotzer“

Hartz 4 geht grundsätzlich von einem Arbeitslosen aus, der vollkommen selbstverschuldet arbeitslos ist. Weil er entweder zu hohe Löhne erwartet, oder angeblich einfach faul sei. Hartz 4 soll den Menschen so unangenehm wie möglich sein. Alle Menschen werden unter Generalverdacht gestellt. Zwar behaupten die Verteidiger der Sanktionen, dass diese ja nur „Faule“ treffen, doch erstens sind Sanktionen, die einen unter das Existenzminimum drücken, ohnehin nicht verzeihbar, und zweitens ist keinesfalls garantiert, dass Sanktionen „die Richtigen“ treffen. Denn diese müssen anhand von Kriterien ausgesprochen werden, die auf subjektiven Einschätzungen beruhen, also von der Bewertung des Jobcenters.

Da jedes Jobcenter da etwas anders vorgeht, kann man in das Gesetz nur ungefähre Richtlinien schreiben, die zwar eine Richtung vorgeben, aber keinen Schutz vor eventuellen Fehlentscheidungen bieten. Es werden also alle Arbeitslosen mit einem Gefühl der Existenzangst bestraft. Zudem führt die extreme Kontrolle von Ausgaben von Arbeitslosen zu einer lächerlichen Bürokratie, die am Ende ebenfalls alle trifft. Dazu kommt, dass Sanktionen nachweislich kaum einen Effekt haben. Menschen wollen grundsätzlich arbeiten, daher brauchen sie keinen Rohrstock. Tatsächlich hat Arbeitslosigkeit auch eine Reihe von Folgen für die psychische Gesundheit, darunter auch Depressionen. Diese Folgen werden zudem durch die „Faulheitsdebatten“ verstärkt. Auch für die Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, hat der rigide Umgang mit Arbeitslosen Folgen, denn das Arbeitslosengeld ist das Sicherheitsnetz der Arbeiter, welches einen auffängt, wenn man seine Arbeit verliert. Ist dieses Netz löchrig, trauen sich die Arbeiter auf dem metaphorischen Seil weniger. Das schwächt den Arbeiter in Lohnverhandlungen.

Die Zeit zwischen zwei Arbeitsplätzen muss menschenwürdig sein. Und: da Arbeitslose gewissermaßen auch mit den Besitzern eines Arbeitsplatzes um diesen Konkurrieren verschlechtert sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer gegenüber Arbeitgebern noch weiter. Tatsächlich hat Marx dies auch die Industrielle Reservearmee genannt. Aus seiner Sicht braucht der Kapitalismus Arbeitslose, da andernfalls das Kapital keinen Mehrwert akkumulieren könnte. Diese Arbeitslosen entstehen durch technischen Fortschritt in Kombination mit einem ausbleiben von Lohnsteigerungen und der darauffolgenden Unterkonsumierung. Somit senkt der rigide Umgang mit Arbeitslosen auch den Lohn der Arbeiter.

Fazit

An dieser Stelle will ich noch einmal klarmachen, dass die allermeisten Arbeitslosen nicht faul sind, sondern nach einer Arbeit suchen oder sich um ihre Kinder kümmern oder was weiß ich. Zudem reicht es ja nicht aus, einfach nur genauso viele Arbeitsplätze wie arbeitsfähige zu schaffen, denn nicht jeder Arbeitsplatz passt auf jeden Menschen oder ist am passenden Ort. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir müssen niemanden dazu zwingen, zu arbeiten. Das zynische Menschenbild hinter Hartz 4 entstand jedoch aus einer neoliberalen Politik, die alle Menschen als prinzipiell egoistisch betrachtet und ansonsten keine Erklärung für die Arbeitslosen unter Gerhard Schröder liefern konnte. Dabei gäbe es in der Theorie eigentlich sehr viel zu tun, Fachkräftemangel wird ja heiß diskutiert. Es fehlen Lehrer, Handwerker etc. etc. Aber wenn man sich anschaut, dass Baden-Württemberg bis vor kurzem noch Lehrer während der Sommerferien entlassen hat, um zu sparen, dann versteht man, warum aus potenzieller Arbeit kein Arbeitsplatz entsteht. Denn Arbeit muss bezahlt werden, und genau daran geizen die Regierungen. Gibt ja auch einen Grund, warum Steinmeier diese Dienstpflicht ins Gespräch bringt. Reiche besteuern und dringend benötigte Investitionen tätigen, die auch Arbeitsplätze schaffen, das geht natürlich nicht, stattdessen zwangsverpflichtet man einen Teil der Jugendlichen als billige Arbeitskraft. So kann man natürlich den „schlanken Staat“ auch umsetzen, wenn man nur auf die Steuern schauen will.

Und mal so als kleiner Tipp für angehende Unternehmer:

Wenn ihr dringend nach Fachkräften sucht, aber ums verrecken keine findet, dann hat unser lieber Herr Biden einen ganz heißen Tipp für euch:


Kommentare

3 Kommentare zu Die Abwertung der Arbeitslosen.

  1. ThomasF schrieb am

    Super. Danke. Mein Video über die Blockade der letzten Generation vor dem Hauptbahnhof zeigt ja genau dieses Problem auf. Von manchen werden Personen die zu viel Zeit haben, als Taugenichtse oder Sozialschmarotzer regelrecht beschimpft. Was ist das Problem, dass irgendeine Person sich mal 1 Stunde Zeit nimmt und sich da bsp.weise mit dieser Blockade beschäftigt. Wäre schade wenn wir diese Stunde nicht alle jeden Tag hätten – Egal wie jetzt genau die Aufgabe ist, an der ich arbeite. Muss ja nicht bei einem Arbeitgeber sein.

    • Noname schrieb am

      Die Deutschen haben eben den Untertanengeist sehr verinnerlicht. Wer sich nicht dem politischen Mainstream oder dem Arbeitgeber Vollzeit unterwirft wird regelmäßig beschimpft…. Kenne selbständige Künstler die von ihrer Arbeit gut leben können und wo dann so pseudo Konservative AfD Honks kommen und die als Faulenzer und Taugenichtse beschimpfen. Von wegen Kunst sei ja keine richtige Arbeit und so weiter….

    • Pirat 1337 schrieb am

      Leute wenn mir solche Dödels kommen und den Bahnhof blockieren…. Wenn ich wegen solchen meinen Zug und Anschluss Flug verpassen würde. Diesen kriminellen Aktivisten würde ich dann auch was husten. Verklagen würde ich die auf Schadensersatz. Genau wie die Vandalen die Kunstwerke in Museen zerstören….. Niemand hat das Recht anderen Schaden zuzufügen. Nicht einmal Klima Aktivisten !!!

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Newsletter

Um unseren Newsletter zu abonnieren geht bitte auf diese Seite und abonniert die Liste.

Archiv aller Artikel