Social-Media-Monopole

Twitter (Screenshot)

Ein Gastartikel von Arko Kröger

Arko Kröger by Rasterlight

Seit Elon Musk angekündigt hat, Twitter zu kaufen, tobt auf Twitter wieder die Frage, ob es überhaupt möglich sein sollte, dass ein einzelner Mensch überhaupt eine gesamte Social-Media-Plattform besitzen sollte. Dazu kommt die Befürchtung vieler, was Musk mit der Plattform machen könnte. Auch deshalb  gibt es aktuell einen kleinen Hype um die Konkurrenzplattform Mastodon, welche ähnlich wie Twitter, aber dezentral organisiert ist und von jedermann gehostet werden kann – zudem ist Mastodon Open-Source.

Ich befürchte jedoch, dass das Problem deutlich größer ist, als viele annehmen. Leider haben Social-Media-Plattformen eine noch größere Tendenz als andere Unternehmen dazu, Monopole zu bilden, welche den Markt dominieren, und mit diesen Monopolen kommt leider auch sehr viel Macht, welche, wenn sie in den falschen Händen ist, viel schaden anrichten kann. Aber eins nach dem anderen.

Warum gibt es bei Social-Media so viele gigantische Player?

Kurz Gesagt: Der Netzwerkeffekt. Was der Netzwerkeffekt genau ist, wird hier und hier detaillierter erklärt, aber grob vereinfacht: Der (positive) Netzwerkeffekt ist, wenn der Nutzen von etwas zunimmt, je mehr Menschen es nutzen. Klassiker unter den Beispielen: Das Telefon. Am Anfang macht das Telefon für den einzelnen natürlich noch recht wenig Sinn, weil es nur wenige Menschen gibt, die man damit kontaktieren kann. Aber je mehr Menschen sich ein Telefon kaufen, desto mehr Sinn ergibt es auch für andere. Ein sich selbst verstärkender Effekt also. Ganz ähnlich ist es mit den digitalen Plattformen: Facebook zum Beispiel war deswegen so erfolgreich, weil es so viele nutzten. Selbiges gilt auch für Whatsapp, Twitter, Instagram, etc.

Der Nutzen dieser Plattformen ist davon abhängig, wie viele Nutzer bereits auf der Plattform sind. Übrigens gilt der Effekt nicht nur für Kommunikation: Auch Amazon oder Steam unterliegen diesen Effekten, weil es sich für die Anbieter von Produkten natürlich lohnt, auf der Plattform anzubieten, wo am meisten Geshoppt wird. Und dort wo die meisten Produkte sind, also auch die meisten Anbieter, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass du gefunden wirst, während andere gerade shoppen. Selbst Betriebssysteme unterliegen diesem Effekt. Windows, der mit Abstand größte Player, profitiert davon, dass diejenigen, die sich einen Computer kaufen, darauf achten, mit welchem Betriebssystem sie die meisten Programme benutzen können. Dadurch haben MacOS oder die verschiedenen Linux-Distributionen einen systematischen Nachteil gegenüber Windows. Nutzer, die befürchten, benötigte Programme nicht benutzen zu können, bleiben natürlich lieber auf der alten Plattform, als umzusteigen, auch wenn das alternative System andere Vorteile bietet. Und das ist ein großes Problem.

Die Problematik des Lock-in.

Da der Netzwerkeffekt den großen Playern einen systematischen Vorteil gegenüber kleineren, eventuell innovativeren Playern gibt, haben Plattformen innerhalb ihrer Sparte meist kaum ernstzunehmende Konkurrenz. Es gibt zwar verschiedene Social-Media-Plattformen, diese spezialisieren sich aber generell stark auf einen bestimmten Zweck. So ist Whatsapp beispielsweise für einfaches Chatten gut, Twitter für Kurznachrichten und Politik, Instagram eher für Fotos. Innerhalb ihrer Sparte haben sie also keine ernstzunehmende Konkurrenz, selbst wenn die Konkurrenten eigentlich besser sind. Damit die Masse von der einen Plattform zur anderen wechselt, muss es zunächst eine kritische Masse an Wechseln geben, welche einen Lawineneffekt auslösen. Das ist aber sehr schwierig und zudem teils außerhalb der Kontrolle der Firmen. Ein Hype kann hilfreich sein, kommt aber nicht immer auf. Ein Beispiel für einen erfolgreichen Wechsel wäre der von Teamspeak zu Discord. Dies sind Plattformen gestaltet für Gamer mit Nachrichten- und Voicechat. Discord kann mit intuitiver Benutzeroberfläche, mehr Features und geringeren Kosten punkten. Hier muss aber beachtet werden, dass es kein Problem ist, Teamspeak und Discord gleichzeitig zu installieren. Zudem beschränkt sich der Netzwerkeffekt hier eher auf die einzelnen Server, es sind also viele kleine Netzwerke und nicht ein großes. Eine Community kann sich also für einen Discord-Server anstatt eines Teamspeak-Servers entscheiden, ohne nennenswerte Nachteile durch mangelnden Netzwerkeffekt zu haben.

Das ist bei Twitter nicht der Fall, wo der Konsum eher darauf ausgerichtet ist, mit anderen Twitter-Usern aus der ganzen Welt (oder zumindest mit denen im gleichen Sprachraum) zu kommunizieren. Manche Plattformen haben zudem mehr Aufwand im Allgemeinen, wodurch die kleinen Player noch mehr Probleme haben. So gibt es so gut wie keine ernstzunehmende Konkurrenz zu YouTube (Außer Twitch, welches aber eher auf Streams spezialisiert ist), dafür aber einige WhatsApp alternativen, weil es einfacher ist, einen Textnachrichtendienst aufzusetzen, als eine Videoplattform.

Also, wenn dieser Netzwerkeffekt es also signifikant schwieriger macht für den einzelnen zu einer Konkurrenzplattform zu wechseln, auch wenn diese auf dem Papier einige Aspekte besser umsetzt, dann bedeutet dass, dass hier Marktversagen vorliegt. Und gegen dieses Marktversagen kann der einzelne kaum etwas unternehmen. Sicher, er “könnte” auf dem Papier wechseln, aber es gibt schlicht und ergreifend keine Plattform, die in der´Lage wäre, das anzubieten, was Twitter anbietet. Die Frage, was das Individuum davon abhält, ist falsch gestellt. Der Wechsel ergibt erst in dem Moment Sinn, indem der Lawineneffekt einsetzt, also genug auf einmal wechseln. Auf die Aktionen der anderen hat das Individuum aber nur begrenzt Einfluss.

“Nur weil viele Individuen sich für eine bestimmte Aktion entscheiden, heißt dies nicht, dass das daraus entstehende Ergebnis zwangsläufig das bestmögliche ist.”

Konsumenten können hier wenig Druck machen, selbst wenn sie wollten.

Was also tun?

Verstaatlichung ist aus naheliegenden Gründen wenig sinnvoll. Die Macht in die Hände eines Staates zu verschieben, birgt natürlich dieselben Interessenkonflikte. Zudem wäre dann auch noch die Frage im Raum, welcher Staat die Kontrolle haben sollte. Klar, Twitter gehört zu den USA, aber ehrlich gesagt, finde ich es etwas fragwürdig, einen derart internationalen Konzern ganz fix einem Staat zuzuordnen. Wo die Server stehen, ist für eine Social-Media-Plattform letzten Endes nur aus Performancegründen relevant, und im Allgemeinen verteilen sich dank Globalisierung ja auch Konzerne teils über mehrere Staaten, auch, wenn sie nur einen Firmensitz haben. Aber just my 2 cents.

Etwas besser wäre da der Ruf nach einer Art ÖRR-Version von Twitter. Der Nachteil dieser Variante wäre aber, dass solche Konstrukte im Zweifel schwer reformierbar sind. Der Zweck solcher Konstrukte besteht darin, willkürlichen Einfluss auf eine Institution zu verhindern, damit diese im Zweifel Aktionen tätigen kann, die dem Willen der Regierung widersprechen, aber langfristig besser für die Demokratie als ganzes sind. Das kann die Bevölkerung gut finden, wenn sie der Regierung misstrauen, was ja auch zu einem gewissen Grad angebracht ist, aber auch den gegenteiligen Effekt haben, wenn gewisse Entscheidungen nicht mehr vermittelbar sind. Gerade was den Umgang mit z.B. Verifizierung oder Sperrungen angeht, ist Twitter ja bereits jetzt schon in der Kritik. Ob diese berechtigt ist, oder nicht, muss aber nach Einzelfall entschieden werden. Besonders Sperrungen sind gerne mal hochkontrovers und werden politisch vereinnahmt. Und wenn Twitter als Plattform angesehen wird, um die man nicht einfach so herumkommt, dann wäre es durchaus ein einschnitt in die Meinungsfreiheit, der jedoch notwendig wird, wenn die Würde des Menschen verletzt wird. Wie kontrovers das teils sein kann, beweist der Fall Renate Künast, welche wegen diverser Hassposts gegen Facebook vorging.

“Die Kommentare, die da über die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast bei Facebook 2019 veröffentlicht wurden, waren heftig. Als “Stück Scheiße” wurde sie bezeichnet, als “Schlampe”, “Drecksfotze” oder “Drecksau”. Trotzdem tat sich die Justiz schwer, ihr beizustehen.”

Natürlich fällt die Kritik an der Handhabung solcher Posts auch auf die entsprechenden Verwalter der Plattformen zurück. Und ähnliche Probleme gibt es ja auch bei Desinformation. Und teilweise lässt sich gar nicht objektiv beurteilen, was Beleidigung, Desinformation etc. ist und was nicht. Ein ÖRR-Konstrukt könnte aber immerhin zu mehr Transparenz bezüglich der Entscheidung verpflichtet werden.

Und ja, ich weiß was jetzt kommt.

“Was nicht gewinnorientiert ist, kann nicht funktionieren!!!111elf”

Sicher?

Lass uns doch mal gemeinsam angucken, wie und womit Social-Media eigentlich Geld verdient.

Womit verdienen Social-Media-Plattformen ihr Geld?

Grob vereinfacht mit zwei Dingen: Werbung und Daten.

Werbung braucht wahrscheinlich nicht viel Erklärung, Firmen bezahlen dafür, dass sie gesehen werden. Mehr ist es nicht. An sich ist Werbung auch eine legitime Einnahmequelle, es ist erst mal nicht problematisch.

Daten sind da schon ein größeres Thema, und dies wurde bereits öfter thematisiert im Zusammenhang mit Facebook. Twitter ist allerdings auch ein Datensammler, genauso wie so ziemlich auch der ganze Rest des Internets. Genauere Infos zu der Datenschutzpolitik Twitters findet ihr hier. Dass Daten zur zielgerichteten Ausspielung von Werbung verwendet werden, ist wahrscheinlich auch nix neues für euch, und wahrscheinlich auch zu einem gewissen Grad legitim. Anekdote aus meinem Leben: wenn ich zum Beispiel ein Video anschaue, welches sich um das Musikmachen dreht, bekomme ich Werbung für entsprechende Produkte ausgespielt. Allerdings werden diese Daten, leider, eben auch noch für Zwecke verwendet, die weit darüber hinausgehen. Wie genau diese Daten verwendet werden, und wie der Markt der Daten funktioniert, könnt ihr in diesem Video von John Oliver ankucken (das ist im Prinzip Jan Böhmermann in sympatisch). Ich bin ganz ehrlich, auch wenn ich Johns show liebe, ich kann bis heute noch nicht so ganz glauben, was damit so alles möglich ist, nicht, weil ich seiner Recherche nicht traue, sondern weil die Analysemöglichkeiten so krass sein sollen. Falls ihr mehr Infos zu dem Thema haben wollt, verweise ich einfach Mal auf unseren Europaabgeordneten Patrick Breyer, welcher sich auf Datenschutz spezialisiert und sich gegen Überwachung engagiert.

Jetzt will Twitter natürlich nicht nur einfach Daten sammeln und Werbung ausspielen, sondern auch möglichst viel davon. Um die Menge von beidem zu maximieren, hat Twitter einen Anreiz 1. Möglichst viele Nutzer zu haben (was ansich ja auch vollkommen ok ist), und 2. Diese Nutzer auch so lange wie möglich auf der Plattform zu halten (was schon problematischer ist). Social Media Plattformen tun dies, indem sie ihre Algorithmen optimieren, unter anderem mit den Daten, die wir Twitter geben. Sie verdienen also daran, dass wir auf der Plattform agieren, und verdienen natürlich auch daran, wenn wir mehr Zeit dort verbringen, als wir eigentlich vorgesehen hatten. Hier muss ich kurz darauf aufmerksam machen, dass das Konsumverhalten von social Media nicht sinnvoll mit einem Homo oeconomicus abbildbar ist, also mit jemanden, der die aus seiner Sicht immer die “nützlichste” Entscheidung trifft, weil das gesamte Design von Social Media darauf ausgelegt ist, den Konsumenten durch unterbewusste Beeinflussung so lange wie möglich an die App zu binden. Der Konsum ist zwar zu einem gewissen Grad steuerbar, aber es passiert gerne, dass wir mehr Zeit dort verbringen, als wir eigentlich wollen. Vielleicht habt ihr das schon Mal selber beobachtet. Ein paar Tricks, wie das funktioniert, findet ihr hier. Ein Nutzer von Social Media konsumiert also mehr, als er bewusst will. Ein wichtiger Faktor ist hierbei ist der Algorithmus, der für uns aussucht, welche Inhalte wir überhaupt zu Gesicht bekommen. Dieser wird selbstverständlich darauf optimiert, dass wir Inhalte sehen, die uns lange auf der Plattform halten. Emotionale Inhalte beispielsweise werden erzielen mehr Reaktionen, und negative in manchen Fällen noch mehr als positive. Neutrale, Langweilige Sachen dagegen weniger. Leider ist die Wahrheit aber oftmals eben langweilig und differenziert. Was auch ein Problem ist, dass es durchaus nicht unverbreitet ist, einen Artikel zu teilen, ohne ihn zu lesen, sodass nur die Überschrift gelesen wird. Das war tatsächlich auf Twitter so ein Problem, dass zeitweise eine Meldung angezeigt wurde, ob man den Artikel nicht doch zuerst lesen wollte, wenn man den Artikel retweeten wollte, ohne ihn anzuklicken. Da nur die Überschrift dann eine Rolle spielt, ob er geteilt wird oder nicht, werden so Überschriften bevorteilt, die eine bewusste Übertreibung sind, auch, wenn der Inhalt dahinter deutlich weniger aufregend ist. Man muss hier dazu sagen, dass es nicht den einen Effekt gibt, der Social Media zu dem macht, was es aktuell ist. Es gibt eine Vielzahl von sich gegenseitig verstärkenden Effekten, die uns beeinflussen und das Netzwerk formen. Der Algorithmus spielt hier aber eine extrem zentrale Rolle dabei. Ein Beispiel ist z.b wie wir Twittern. Likes und Retweets werden im allgemeinen als Maßstab dafür genommen, was ein guter Tweet ist und was nicht. Über die Zeit hinweg lernen wir so, was funktioniert, und was nicht.

Über die Zeit hinweg entwickeln wir so verschiedene Twitterstyles, abhängig von der Bubble die wir bespielen wollen, und was auch unser eigener Fokus ist. Der Algorithmus ist hier zentral, weil dieser bestimmt, was den anderen angezeigt wird. Wir passen uns so unbewusst dem Algorithmus an, so dass wir im Laufe des Twitterns effektivere und viral gehende Tweets abgeben, um mehr Reichweite zu erzielen. Gleichzeitig werden die Algorithmen an die Nutzer angepasst, um diese so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. Ein besonderes Beispiel dafür, wie man so etwas abusen kann, brachte TikTok, welches zu bytedance gehört, einem der wichtigsten chinesischen Unternehmen. Politische Inhalte werden dort im allgemeinen nicht sonderlich gut geklickt. Eine Tiktokerin hat aber mit einem Trick die Moderation ausgetrickst, um ein Video in die Trends zu bringen, welches die Konzentrationslager Chinas kritisiert. Kurz darauf wurde sie wegen “Verstößen gegen die Community-Richtlinien” gesperrt. Nach einem Aufschrei wurde sie aber wieder freigegeben, wie auch ihr Video. TikTok ist hier in sofern besonders, als dass es bei der Moderation seiner Inhalte nicht nur zwischen “beibehalten” und “löschen” unterscheidet, sondern verschiedene Optionen zur Verfügung stehen, die es erlauben, ein Video zu boosten oder in gewissen Menüs nicht anzeigen zu lassen. Das mag Harmlos ausschauen, ist es aber nicht. Denn dadurch ist TikTok in der Lage, den Nutzern zu Signalisieren, dass politische Inhalte nicht interessant sind, auch wenn das Gegenteil der Fall ist. Und wenn politische Inhalte schlecht geklickt werden, dann werden die Creators auch weniger politische Inhalte Posten, wodurch auch weniger Menschen, die sich generell für Politik interessieren, auf diese Plattform finden. (Eine ähnliche, wenn auch weniger aggressiv genutzte Mechanik dieser Art ist der Shadow- oder Ghostban, welcher auf Twitter ab und zu passiert)

Dadurch kann China chinakritische Inhalte reduzieren, ohne, dass man es merkt. Das Phänomen heißt “Agenda Setting” und beschreibt, dass ein Inhalt umso wichtiger wird, je mehr er in den Medien (aller Art, nicht nur social Media) Auftritt und diskutiert wird. Das klingt erstmal logisch, und das ist es auch, aber es hat seine Schattenseiten. Ein Thema kann dadurch nämlich disproportional und sich selber verstärkend deutlich wichtiger in den Medien werden, als es eigentlich ist. Dadurch werden Medien aller Art dazu ermutigt, über ein Thema zu berichten, über welches bereits viel berichtet wird, weil Menschen dann aktiv nach diesem Inhalt suchen.

Ähnlich ist es auch bei social Media: Man redet über das, was andere für wichtig halten. Natürlich ist die Moderation von TikTok ein Extremfall und streng genommen kein Algorithmus, aber ähnliches kann auch bei Twitter passieren. Werden provokante und andere politische Positionen abwertende Inhalte öfter geteilt, so werden die Nutzer dazu ermutigt, selber provokant zu werden, so dass Twitter zu einem Strudel aus Provokation mutiert, ohne, dass wir es merken. Ich bin selber da leider kein Musterkind, ich habe oft bei mir festgestellt, dass ich mich in rage Getwittert habe, manchmal sogar entschuldigt, und mein Gegenüber hat nicht einmal gewusst, dass ich sauer war, weil man das nicht einfach anhand von Zeichen erkennen kann, er hat ja mein Gesicht oder meinen Ton nicht zu Gesicht bekommen (wobei ich dazu sagen muss, dass ich auch ein Wutproblem habe, welches mein gesamtes Leben dominiert hat). Was auf einer Social Media Plattform also erfolgreich ist, muss nicht zwangsläufig damit zusammenhängen, was tatsächlich wichtig ist, sondern das Zusammenspiel von Algorithmus, Usern und der Plattform selber können ein dynamisches Eigenleben entwickeln, welches regeln folgt, die Outsidern komplett unbekannt sind. Je nach dem, wie man Twitter nutzen will, kann es sogar passieren, dass man diese Regeln selber nicht versteht. Ein nettes Beispiel dafür war ein Thread von Florian Aigner, welcher sich darüber beschwert, dass er nur das Wort “Zersiedelung” in den Tweet eingeben muss, und plötzlich bekommt er den Vorwurf, er wolle Dörfer vernichten und alle in Städte sperren (was mich daran erinnert, dass ich Mal einen grauenhaften Take zu dem Thema gebracht habe, hierfür möchte ich mich nochmal entschuldigen). Besonders: er bezeichnet diese übertriebene Wut als “Irrational”. Das Ding ist nur… das ist es nicht. Zumindest nicht vollständig. Es ist irrational im Sinne einer vernünftigen Diskussion, das ist richtig. Twitter-User, besonders die politischen, agieren beim argumentieren aber nicht bewusst, sondern mutieren zu einer Art “Twitterbeast”. Und dieses Twitterbeast agiert nicht rational, sondern heuristisch.

Twitter, und die Beaster, die es züchtet.

Eine Heuristik kann als eine Art grober, schneller, aber auch fehleranfälliger Algorithmus verstanden werden. Für unsere Zwecke sind vor allem die Heuristiken in unserem Verstand wichtig.

“Heuristik (von altgriechisch εὑρίσκω heurísko (ich finde); von εὑρίσκειν heurískein (auffinden entdecken)) bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen (unvollständigen Informationen) und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen. [1] Es bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen über ein System mit Hilfe mutmaßender Schlussfolgerungen Aussagen über das System getroffen werden. Die damit gefolgerten Aussagen weichen oftmals von der optimalen Lösung ab. Durch Vergleich mit einer optimalen Lösung kann die Güte der Heuristik bestimmt werden.” (Zitat von Wikipedia)

Das Twitterbeast kommt in allen Teilen des politischen Spektrums vor in den unterschiedlichsten Formen und Farben, die allerschlimmsten findet man aber definitiv beim rechtspopulistischen Spektrum. Wenn man sich politisch auf Twitter bewegt, entwickelt man es automatisch über die Zeit hinweg, niemand bleibt komplett von dieser Entwicklung verschont. Twitterbeaster haben das Twittern so verinnerlicht, dass sie Heuristiken entwickelt haben, welche es ihnen erlauben, politische Zugehörigkeit und Ansichten anhand weniger Merkmale zu identifizieren und dadurch schlagkräftige Gegenantworten auf takes in deutlich höherer Geschwindigkeit zu erzeugen. Diese identifizierung geschieht meistens Anhand verschiedener Politischer Stichworte und dem Profilbild, Header, follows und Follower, eventuelle Smileys, was man halt schnell nachgucken kann. 🏳️🌈 z.B. ist LGBTQ+, 🗽steht für liberal, 🔴🔴🔴 ist die NoCovid-Bubble, Verkehrswende ist ein Stichwort, etc etc.

Besonders interessant ist, was Twitterbeaster mit Euphemismen anstellen. Euphemismen sind beschönigende Ausdrücke für Sachen, die man eigentlich nicht direkt sagen will. Einer der berühmtesten Euphemismen ist “protecting jobs” aus den USA, welches von “moderaten” Republikanern aus den USA genutzt wird um Hass auf Mexikaner zu verschleiern. Undokumentierte Arbeiter sind vielleicht ungünstig, aber wenn man zu wenig Arbeitsplätze auf zu viele Arbeiter treffen, dann geht man gefälligst mehr Arbeitsplätze schaffen, Arbeit gibt’s genug, nur zu wenig Leute, die dafür zahlen wollen. Wie Euphemismen entstehen, und was passiert, wenn diese Euphemismen sterben, könnt ihr übrigens hier sehen. Diese Euphemismen sind, wie viele Dinge, die hier erwähnt werden, natürlich auch Teil des normalen Diskurses, und der Algorithmus ist nicht der Auslöser. Was wir hier sehen, ist politischer Diskurs auf einem Niveau, dass “Steroide” schon wieder selber zu einem Euphemismus wird.

Der Algorithmus begünstigt es aber definitiv. Nehmen wir Mal… (x-beliebiges Beispiel, welches überhaupt nicht von meiner persönlichen Meinung beeinflusst ist…) Innovation. An sich ein eigentlich positiv besetzter Begriff. Fortschritt, Produktivität, und ganz tolle neue Technologien, welche die Probleme unserer Zeit lösen.

In der Regel ein von der FDP Benutztes Wort, weil es sich gut mit den “Kräften des Marktes” ergänzen lässt. Und eigentlich ist Innovation ja auch nix schlechtes. Wirklich nicht. Die Problematik entsteht im Kombination mit dem Diskurs um den Klimaschutz. Ja, der Klimaschutz wird eine nationale Kraftanstrengung, will ich ja nicht leugnen. Ja, das was wir aktuell haben, ist noch nicht perfekt, und es wird Innovationen geben, die uns helfen. Im Diskurs ums Klima fungiert “Innovation” aber um sogenannten “Technologieglauben” zu verschleiern. Da man das, was aktuell da ist, nicht als ausreichend betrachtet, versucht man zukünftige Lösungen zu finden, die die Probleme unserer aktuellen Technologien beheben. Dass Innovationen aber nicht planbar sind, und dass auch diese Zeit für das aufbauen benötigen, wird in der Regel ignoriert. Wenn wir uns also auf Innovationen verlassen würden, müssten das schon echte Hammerinnovationen sein, die sofort bereit sind und die Klimakrise auf einen Schlag lösen.

Nehmen wir ein anderes Beispiel… Gesichtswahrende Lösung. Klingt erstmal ziemlich vernünftig, aber, worauf bezieht sich das?

Im Diskurs rund um den Ukrainekrieg wird dies in der Regel von… Putin-nahen Linken oder spdlern verwendet. Die Idee dahinter ist, dass wenn Putin irgendwie heile aus der scheiße in die er sich nun manövriert hat, rauskommen kann, dann ist es wahrscheinlicher, dass er aufgibt. Das Problem ist nur… wie soll das bitte aussehen??? Immerhin ist das nicht sein erster Angriffskrieg, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich alle Länder auf so ein vorgehen einigen könnten, weil das, was hier passiert, schlichtweg unverzeibar ist. Was dahinter die Strategie sein soll… keine Ahnung, diese komische Russlandnostalgie hab ich noch nie verstanden.

Aber ihr versteht das Prinzip?

Gut. Besonders an Twitter ist die Geschwindigkeit mit der ein Euphemismus enttarnt und ins lächerliche gezogen wird.

Innovation ist mittlerweile zu einem politischen Insiderwitz mutiert. (Einem Witz, den ich vergeblich versucht habe, Andreas Schäfer, dem Vorsitzenden der Partei der Humanisten, zu erklären.) Generell scheinen Humanisten nicht wirklich gut darin zu sein, das Spiel, welches hier gespielt wird, zu verstehen, weil sie sich als wissenschaftliche Antipopulismus-partei verstehen. Allerdings haben auch die Humanisten ihre Twitterbeaster. Generell gibt es keine Ideologie, die nicht Twitterbeaster bilden kann, und Ideologiefreiheit existiert nicht.

Das ist nur ein Beispiel dafür, was Twitter generell zu einer Recht aggressiven Plattform macht. Ich könnte noch Ewigkeiten darüber reden, aber das würde den rahmen sprengen. Twitter hat diese Problematik nicht erschaffen, aber die Algorithmen und deren Orientierung an Gewinn verschärfen dieses Problem erheblich. Eine Forderung ist daher, dass der Algorithmus zumindest öffentlich und transparent gemacht wird. Und ja, das ist wichtig, hat aber ein Problem:

Wenn ein Algorithmus transparent wird, dann wird es Leute geben, die den Algorithmus noch viel stärker abusen. Bisher ist es immerhin Trial-and-Error, wenn man versucht herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Wenn der Algorithmus plötzlich öffentlich wird, wird es Populisten zu leicht gemacht, diesen auszunutzen und damit den Diskurs zu beschädigen. Doch ich glaube, ich habe eine Lösung. Was passiert, wenn es nicht mehr den einen Algorithmus gibt?

Die Lösung.

Wie vorhin schon erwähnt, ist weder privat noch Staat hier eine optimale Lösung. In privater Hand sorgt die Gewinnorientierung dafür, dass die Algorithmen weit über das Ziel, Menschen miteinander zu verbinden, hinausschießen, und die Menschen deutlich länger an die Medien binden als sie selber wollen und polarisierende Inhalte fördern. Der Staat kann man es aber auch nicht anvertrauen, wie man ja bei TikTok sieht.

Meine Lösung wäre, Twitter (gegen Entschädigung der Aktionäre natürlich) in eine Art globale NGO zu packen, welche Twitter und deren Infrastruktur in ein vollständiges Open-Source-Projekt umwandeln, welches von den Staaten dieser Welt ähnlich wie z.B. der  öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziert wird. Natürlich kann man keinen verpflichten zu bezahlen, aber ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie man eine bessere Organisation hinbekommt, und den Preis für die Gewinnorientierung eines privaten Unternehmens bezahlen wir aktuell alle, wenn auch aktuell nicht mit Geld.

Der Vorteil wäre aber, dass vollkommene Transparenz möglich wäre. Zudem würde mein Model vorsehen, dass jeder Nutzer prinzipiell in der Lage ist, sich auszusuchen, welcher Algorithmus genutzt wird, um Inhalte an die Nutzer auszuspielen. Die NGO kann verschiedene Algorithmen anbieten, je nachdem, wie man Twitter nutzen will, was den Nutzern mehr Kontrolle über den eigenen Konsum verleihen würde, und somit auch mehr Eigenverantwortung gibt (auch so ein Euphemismus eigentlich, aber nicht immer will man etwas als Euphemismus benutzen).

Außerdem könnte eine vollkommene Open-Source-Struktur es erlauben, dass man sogar seinen eigenen Algorithmus programmieren könnte, wenn man das möchte.

Das ist zwar wahrscheinlich technisch etwas anspruchsvoller, und die Möglichkeit der Personalisierung wird von den Daten abhängig sein, die man zur Verfügung stellt, aber es würde zumindest das Problem des Missbrauchs von Algorithmen abmildern – denn es würde dafür sorgen, dass man sich nicht nur an einen, sondern viele Algorithmen anpassen kann Und manche könnten explizit “anti-abuse” geschrieben werden, sodass Populisten weniger Chancen haben. Generell würde dies zudem das Datensammeln eindämmen, was hilft, Anonymer im Internet zu agieren.

Download as ePub


Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Archiv aller Artikel