An der ukrainischen Grenze

Los gehts!

Wie die meisten Menschen war ich schockiert über den Überfall Russlands auf die Ukraine. Als neu gewählter 2. Vorstand der Piratenpartei Nürnberg gehöre ich nun nicht mehr zu den Menschen, die solche Themen durch Diskussionen mit Freunden und Familie oder durch Spenden bewältigen können. Ich fühle mich verpflichtet selbst zu handeln, zumindest etwas Präsenz zu zeigen und – wie man so schön sagt – mir ein Bild von der Lage vor Ort zu machen.

Nach reichlicher Überlegung und Inspiration durch Anthony Walker hatte ich meine Frau und meinen Arbeitgeber darüber informiert, dass ich mich auf den Weg zur polnisch-ukrainischen Grenze machen würde. Da ich meine Freizeit mit dem Spielen von World of Warcraft verbringe und dort eine eigene Gilde leite, habe ich dort Bescheid gegeben, dass ich die nächsten Tage aufgrund einer Reise nicht viel online sein würde. Daraufhin wurde ich von einem Gildenmitglied privat angeschrieben und gefragt, wohin ich denn reisen würde. Nach kurzer Erklärung und einem anschließendem Telefongespräch wurden mir 200 € überwiesen. Innerhalb weniger Tage sind auf diese Weise mehr als 1.000 € zusammengekommen.

Von den Spenden habe ich Medikamente, Campingausrüstung und Lebensmittel gekauft. Ein paar Plüschtiere durften auch nicht fehlen. Von Freunden habe ich noch diverse Sachspenden (Hygieneartikel für Babys und Frauen, Erste-Hilfe-Kästen, Decken, Camping-Kocher) erhalten.

Am Nachmittag des 4. März ging es dann mit einem vollgestopften Renault Captur auf den Weg Richtung Polen. 1.111 km Fahrt und ich hatte keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Ich war noch nie allein im Ausland. Und der Gedanke, die Grenze doch zu überfahren und direkt nach Lwiw (Lemberg) zu fahren, war trotz meines Versprechens an meine Frau, nicht in die Ukraine zu fahren, immer noch präsent.

Aufgrund meiner Herkunft hatte ich eine gewisse Verbindung zu den ehemaligen Sowjetstaaten. Wenn ich an meine Kindheit – insbesondere meine Schulzeit in der ehemaligen DDR – zurückdenke, spielte ein Thema eine große Rolle: der „Große Bruder“, die Sowjetunion. Sei es der Sowjetstern, den wir akribisch zu zeichnen lernten, russische Spielzeugpanzer, die in keinem Kinderzimmer und Matroschka, die in keinem Wohnzimmer fehlen durften. Lenin war ein Held. Die Amerikaner die Kriegstreiber. мир (russisch für Welt; Frieden) ist eines der wenigen Wörter, die ich aus dem Russischunterricht behalten habe. Bereits im Kindergarten wurden wir mit Propaganda überschüttet. Und nun greift der ehemals große Bruder seine eigenen Brüder und Schwestern an (in der Ukraine leben ca. 17 % Russen).

Als ich die ersten Autobahnschilder mit der Aufschrift Lwiw/L‘viv (UA) sehen konnte, packte mich die kalte Wut. Die Propaganda, die wir vor 35 Jahren über uns ergehen lassen mussten, hallte jetzt wie blanker Hohn nach.

Ich hatte mich auf eine Reise begeben, um einen kleinen Beitrag zu leisten, Menschen zu helfen, die vor einem Krieg fliehen, der von einem geistig in der Sowjetzeit hängengebliebenen Mann angezettelt wurde. Der – wie wir mittlerweile wissen – auch vor Kriegsverbrechen keinen Halt macht. Vor einigen Jahren noch hätte ich die Nachrichten verfolgt und all das für schlimm befunden. Mehr nicht. Ich hatte nie viel Empathie für entfernte, andere Menschen. Ich habe mal gelesen, das sei normal und man müsse sich dafür nicht schämen, es läge bei vielen Menschen in ihrer Natur nur für ihr direktes Umfeld Empathie zu empfinden.

Irgendwas war hier anders und ich kann es auch heute noch nicht in Worte fassen. Die Nachrichten, die ich während der Fahrt hörte (BR24 via Stream, hoch lebe das polnische Mobilfunknetz), die Autobahnschilder, die mich nun permanent an mein Ziel erinnerten und die Erinnerungen an meine Kindheit gipfelten in einem Nervenzusammenbruch. Ich rief kurz nach ein Uhr nachts meine Frau an und war gerade so in der Lage mich verständlich zu artikulieren. Ein gewöhnliches Verkehrsschild hatte mich aus der Fassung gebracht.

An mein eigentliches Ziel wiederum wurde ich durch umfunktionierte digitale Verkehrsschilder über der Autobahn erinnert. Blau-gelb unterlegt bekundete Polen seine „Solidarität für die Ukraine“ und informierte Geflüchtete über eigens für sie eingerichtete Telefonhotlines.

Eineinhalb Stunden später, gegen 2:30 Uhr nachts, war ich in Medyka. Ich fuhr direkt Richtung Grenze und parkte inmitten blinkender Blaulichter und hunderter anderer Fahrzeuge. Es wirkte surreal (Video, 22MB). Von meinem Auto aus konnte ich sehen, wie ein nicht abreißender Strom von Menschen über die Grenze lief und direkt in polnische Busse einstieg. Später wurde mir bewusst, dass so gut wie alle anderen Fahrzeuge, die am Grenzübergang gewartet hatten, Verwandte oder Bekanntschaften abholen wollten. Die Busse fuhren zum Auffanglager, das ich später entdeckte.

Meine erste Anlaufstelle war einer der Polizeiwagen, die den Zugang zur Grenze für alle, die keiner offiziellen Hilfsorganisation angehörten oder keinen ukrainischen Pass hatten, sperrten. Mir wurde mitgeteilt, ich könne meine Ladung vortragen, Autos wären nicht erlaubt. Bei einer Wegstrecke von ca. 1 km in eine Richtung und bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt erschien mir das nicht sehr sinnvoll. Zumal ich eine Autofahrt von knapp 12 Stunden hinter mir hatte.

Mit der Grenzsperrung wurde auch meine Idee nach Lwiw zu fahren im Keim erstickt. Also machte ich mich auf den Weg zurück in die Stadt, um mir ein Hotelzimmer zu suchen. Unterwegs hielt ich an einer Tankstelle, um mir Nervennahrung zu besorgen (Zigaretten; ich hatte dreieinhalb Jahre lang nicht geraucht). Auf dem Parkplatz der Tankstelle traf ich eine Familie aus Deutschland, die Verwandte an der Grenze abgeholt hatten und nach 20 Stunden Autofahrt auch auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht waren. Sie hatten bereits 4 Wochen zuvor ihre Verwandtschaft gebeten, nach Deutschland zu kommen. Nun musste die ukrainische Familie ohne den Mann flüchten, denn dieser durfte das Land jetzt nicht mehr verlassen.

Im Laufe des Gesprächs hatte sich herausgestellt, dass die Hotels allesamt ausgebucht waren. Für die deutsche Familie und ihre ukrainische Verwandtschaft hieß das auf dem Parkplatz der Tankstelle zu übernachten. Ich ließ mir noch eine Wegbeschreibung zu einem anderen Grenzübergang geben, da könne man direkt bis an die Grenze fahren.

Entweder war die Wegbeschreibung fehlerhaft oder ich zu übermüdet (ich tippe auf letzteres), aber den Grenzübergang habe ich nicht gefunden, dafür einen Tesco-Supermarkt, auf dessen Parkplatz reges Treiben herrschte. Da die Einfahrt durch Betonblöcke versperrt worden war, wendete ich mich erneut an den Freund und Helfer, der mir grinsend mehr mit Händen und Füßen als mit Englisch den Weg auf den Parkplatz erklärte. Angekommen stelle ich mein Auto ab und pferchte mich auf die Rückbank, um zwei Stunden zu schlafen.

Als die Kälte und wilde Diskussionen um mich herum mich weckten, war es hell und der Parkplatz hatte sich merklich mit Menschen und vielen weiteren Fahrzeugen gefüllt.

Auffallend wenig der großen und bekannten Organisationen waren anwesend, der Grund dürfte allerdings organisatorischer Natur sein. Dafür hatten sich Dutzende kleine, vor allem private Organisationen und Firmen auf den Weg gemacht. Einige hatten kleine Stände aufgebaut, in denen sie die diversen Hilfsgüter sammelten, sortierten und verteilten. Es gab einen Stand, der „Free Meal“ verkündete. Eine andere Firma hatte einen Pizzaofen mitgebracht und bereitete frische Pizza zu. Andere wärmten Konserven auf. Zwischen all den Ständen gab es Feuerstellen. Unzählige Pressevertreter, Fotografen und zwei Kamerateams waren vor Ort.

Im Minutentakt kamen weitere PKW und Transporter. Viele der Fahrer hielten selbstgemalte Schilder hoch, auf denen Orte deutscher Städte geschrieben standen. Wer mitfahren wollte, konnte mitfahren.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen jemanden zu erwischen, der Englisch spricht und mir sagen kann, wo ich welche Hilfsgüter abgeben kann, habe ich angefangen meine Sachen nach bestem Wissen und Gewissen direkt zu verteilen. Medikamente und Erste-Hilfe-Kästen gingen an die Mitarbeiter des Erste-Hilfe-Bus. Den Großteil an Lebensmitteln, Wasser, Baby-, Hygiene- und Campingartikeln habe ich dem größten Stand übergeben. Die Dankbarkeit war groß, insbesondere Baby-Hygiene-Artikel haben direkt Abnehmer gefunden.

Nachdem ich alle meine Hilfsgüter untergebracht hatte, habe ich noch einige Fotos mit meiner Kamera gemacht und Plüschtiere direkt an Kinder verteilt.

Das Bild, das mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, sind Mütter mit Rucksack auf dem Rücken und an jeder Hand ein Kind. Mehr hatten viele nicht dabei. Wenn ich daran denke, was ich selbst nur für meine Fahrt alles mitgenommen hatte, kann ich mir nicht vorstellen, wie sich diese Menschen gefühlt haben müssen.

Kurz vor der Heimfahrt

Als ich eine halbe Stunde später die Rückfahrt angetreten habe, hatte ich das Gefühl viel zu wenig getan zu haben. Ich wollte mehr tun. Mit dem Netzwerk an Menschen, die ich in den letzten Monaten kennengelernt hatte, war mir bewusst, dass ich auch mehr tun kann. Bereits ein paar Tage später beschloss ich einen Verein zur Flüchtlingshilfe zu gründen.

Nur eine Woche nach meiner Reise haben wir uns dann zusammengefunden und unsere Gründungsversammlung abgehalten. Unser Verein – Auxilium Profugi (e.V.; in Gründung) – hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geflüchteten Hilfe bei der Lebensführung und Unterstützung durch materielle und finanzielle Zuwendungen zu leisten. Wir werden unser Bestes geben, um Geflüchteten (nicht ausschließlich ukrainische Geflüchtete) hier vor Ort in Deutschland zu helfen.

Im Moment sind wir noch in der Aufbauphase und denken, dass die Eintragung des Vereins in ca. drei Wochen abgeschlossen sein wird – der Notar hat die Unterlagen schon an das Gericht übermittelt.


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