Kinder sterben mit……und nur extrem selten wegen…..

Extrablatt

Wissen sie, was ein Twitter Shitstorm ist?

Nein? Dann sind sie in guter Gesellschaft. Twitter ist die kleinste der Social Media Plattformen. TikTok zählt noch nicht, ist zu kurz auf dem Markt. Karin Prien, Ihres Zeichens Bildungsministerin in Schleswig-Holstein und Präsidentin der KMK (Kultusministerkonferenz) [1] soll Opfer eines solchen Shitstorm geworden sein. Nun hat Frau Prien gerade Ihren Twitteraccount deaktiviert. Und eine Stellungnahme dazu verfasst:

13. Februar 2022 Ich habe meinen Twitter-Account vorläufig deaktiviert. Ich nehme mir einige Wochen Zeit, um darüber nachzudenken, ob und wie ich Twitter als Medium weiter zur Diskussion nutze. Bei meinen vielen Terminen im Land, in den Schulen, mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedenster Interessen erlebe ich eine andere Kultur. Auch kritisch und mit anderen Vorstellungen von den richtigen Lösungen, aber zivilisiert und an guten Lösungen interessiert. Wer mich erreichen will, dem oder der stehe ich dazu weiter über viele Wege jederzeit zur Verfügung.

Was war da wohl vorgefallen?

Zu Anfang war eine Talkshow

In der Talkshow von Markus Lanz am 10. Februar waren außer Karin Prien auch die Schülerin Johanna Börgermann (Unterzeichnerin der Petition #WirWerdenLaut [2]), Eva Hummers (Ärztin und Mitglied der Ständigen Impfkommission/Stiko) sowie der Soziologe Aladin El-Mafaalani [3]. Ich bin kein Fan solcher politischen Talkshows. In der Regel treffen hier diverse Selbstdarsteller auf einige wenige wirklich am vorgegebenen Thema Interessierte, garniert mit ein oder zwei Zaungästen, die meisten nur wenig bis gar nicht informiert sind, sich aber gerne (medienwirksam) produzieren. Das Ergebnis einer solchen Talkshow ist sehr vorhersehbar und war es auch in diesem Fall. Die einzige Person in dieser Runde mit einem echten Anliegen, einem berechtigten Interesse, wurde mehr oder weniger ignoriert. Die Tatsache, dass sie noch minderjährig ist, hat vermutlich dazu geführt, dass man sie nicht diffamiert oder kriminalisiert hat. Einem Umstand, den viele andere Schüler und Jugendliche, die sich danach öffentlich geäußert haben, wohl ebenso sehen, wenn man sich die entsprechenden Kommentare durchliest [4]. Und damit könnte man das Thema genaugenommen auch schon wieder beenden, denn alles war wie erwartet. Und doch war etwas anders!

Was war bzw. ist anders?

Frau Prien ist Kultusministerin. Und naturgemäß hat sie dadurch jede Menge an Entscheidungen zu treffen. Doch allen diesen Entscheidungen ist eins gemeinsam. Sie haben nicht direkt mit dem Leben oder Tod von Menschen zu tun. Es ist ein Unterschied, ob ich über die Bewilligung von Geldern, Positionen in der Verwaltung, Prüfungsvorschriften oder über Leben und Tod entscheide. Und genau diesen Unterschied scheinen mir ziemlich viele Politiker noch nicht so ganz realisiert zu haben. So auch hier.

Hier wurden ein paar interessante Aussagen getroffen:

„Omikron ist keine gefährliche Erkrankung für Fünf- bis Elfjährige, glauben sie mir, wenn ich davon nicht wissenschaftlich überzeugt wäre, würde ich nachts nicht mehr in den Schlaf kommen.“ Karin Prien „Es ist unklar, ob es Long Covid bei Kindern gibt.“ Eva Hummers „Tatsache ist, dass Omikron nicht auf die Lunge geht.“ Karin Prien

Jede dieser Äußerungen wäre es wert, genau analysiert zu werden. Aber, das brauche ich ja gar nicht, den das hat Twitter bereits übernommen.

So fragt z. B. Philipp S. Holstein @PSHolstein Autor, Arzt und Papa. In umgekehrter Reihenfolge. Redet mit jedem – nur unterschiedlich freundlich.

„Omikron geht nicht in die Lunge“. Können Sie das garantieren, @PrienKarin?

Die ironisch bis sarkastische Note der Frage dürfte kaum jemandem entgehen. Es gab noch viel mehr Reaktionen, die ich hier nicht alle erwähnen kann. Aber sie alle waren noch nicht der Shitstorm, um den es geht. Der folgte erst, als Frau Prien folgenden Tweet veröffentlichte:

„Bitte differenzieren: Kinder sterben. Das ist extrem tragisch. Aber sie sterben mit Covid-19 und nur extrem selten wegen Covid-19.“

Dies war Ihre Antwort auf diesen Tweet:

„Wir haben in den letzten 4 Wochen 17 tote Kinder gehabt. 17 – in VIER Wochen. Und es geht immer schneller. Bis Oktober 21 hatten wir 27 tote Kinder, seit Oktober 38. Also in 4,5 Monaten mehr als in 18 Monaten. Insgesamt sind 65 Kinder verstorben. FÜNFUNDSECHZIG.“

Und jetzt begann das, was einige einen Shitstorm nennen bzw. als solchen verunglimpfen. Vorweg noch, es gab im Verlaufe der Diskussion, und als solche betrachte ich das übrigens, auch unsachliche und mindestens eine grundsätzlich falsche bzw. verletzende Äußerung, die aber in der Zwischenzeit gelöscht wurde, und der Verfasser hat sich entschuldigt. Um es gleich vorwegzunehmen, ich kann und will die einzelnen Aussagen, die im Verlaufe der Diskussion getroffen wurden, nicht auf Ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Das haben andere, die wesentlich versierter sind als ich bereits getan. Und das Urteil ist eindeutig. Frau Prien hat Unrecht und die Nutzerin hat recht. Doch selbst das ist nicht das Problem, sondern die folgende Diskussion. Die Beteiligten sind Natascha Strobl, Jasmina Kuhnke und eben Karin Prien. Natascha Strobl, Österreicherin, Mutter, davon ein Risikokind mit einem angeborenen Herzfehler [5], Autorin und Politikwissenschaftlerin. Jasmina Kunhke, besser bekannt als Quattromilf, 4fache Mutter, mit ebenfalls einem schwerkranken Kind, Autorin und Comedian [6]. Sie griffen Frau Prien an, hart in der Sache, aber nie unsachlich, persönlich verletzend oder sonst in irgendeiner Form, die man verurteilen könnte.

Und in der Folge reagierte Frau Prien mit dem eingangs zitierten Statement. Auch andere, wie z.B. Ruprecht Polenz, seines Zeichens der älteste Politrookie auf Twitter, den ich bis dahin, ob seiner Sachlichkeit und Objektivität, sehr geschätzt habe, reagierten sehr negativ auf die Diskussion und sprangen Frau Prien zur Seite. Sogar die Tagesschau, mit Patrick Gensing als Nachrichtenredakteur und Leiter des Onlineportals Faktenfinder, sah sich bemüßigt, Frau Prien mit einem Faktencheck beizuspringen. Was die Qualität des Faktenchecks anbetrifft, ist dieser allerdings eher ungeeignet als Hilfe [7]. Und auch Gabor Halasz, Journalist, ist der Meinung: „Wenn wir auf Twitter so weitermachen, ist Twitter bald tot. Es wäre so schade. Vor allem für eine respektvolle Diskussionskultur.“

Hat es also wirklich an einer respektvollen Diskussionskultur gemangelt?

Oder hatte hier nur eine Politikerin keine Antworten auf fundierte Aussagen? Ich bin nicht unbedingt ein Fan von Jasmina Kuhnke, weil mir Ihre Art zu direkt ist. Aber, uns trennen doch viele Jahre und wäre ich in Ihrem Alter……. In der Sache hat sie recht. Und ich kenne das, wenn meine Argumente mit Hinweis auf mein Temperament verworfen werden. Als wenn mein Temperament irgendwas am Inhalt ändern würde. Und von daher, sowohl sie als auch Natascha Strobl haben eine völlig normale Diskussion geführt. Und egal wie man es sieht, Frau Prien hat diese Diskussion quasi durch die Hintertür verlassen. Und das natürlich nicht, ohne sich vorher noch als Opfer zu gerieren. Dabei hat es in Wahrheit wohl eher so ausgesehen:

Natascha Strobl Hassmail

Natascha Strobl Hassmail

Fazit:

Twitter ist sehr speziell. Sich hier zu äußern, ist nicht einfach. Und es hat, wie ich glaube, schon seinen Grund, warum kaum regierende Politiker hier selbst schreiben, wenn überhaupt. Auf Twitter ist eben nicht der Mob, die geistig unterprivilegierten, sondern eher das Gegenteil. Wer auf Twitter was erreichen will, muss in der Lage sein, z.B. mit der 280 Zeichen Beschränkung umgehen zu können. Und man muss wissen, wann man reagiert und wann man besser noch wartet. Da auf Twitter außerdem außerordentlich viele Journalisten vertreten sind, gerät schon der kleinste Fehler zu einem medientechnischen Fiasko. Frau Prien als Ministerin sollte sowas wissen. Aber nicht erst seit ein Armin Laschet sich im Wahlkampf im Ahrtal medientechnisch gesehen höchst unklug verhalten hat, wissen wir, dass die diesbezügliche Qualität in der CDU doch stark nachgelassen hat. Und Aussagen wie “enthemmter Mob” sind wohl eher als Diskriminierung anzusehen denn als qualifizierte Aussage.

Ullrich Slusarczyk

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Karin_Prien
[2] https://www.wirwerdenlaut.org/
[3] https://www.mafaalani.de/Aladin_El-Mafaalani_zur_Person
[4] https://twitter.com/darth_davester/status/1491921909805727745
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Natascha_Strobl
https://www.heute.at/s/kein-kindergeld-wegen-lockdown-wiener-autorin-klagte-100150262
https://datum.at/die-oeffentlichkeit-bietet-mir-auch-schutz/
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Jasmina_Kuhnke
[7] https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/covid-sterbezahlen-bei-kindern-eine-bildungsministerin-und-ein-misslungener-ard-faktencheck/

About

Ullrich Slusarczyk 1963 in West-Berlin geboren. Jetzt in Hannover. Sehr viel gemacht im Leben und sehr viel gesehen. Schreibe gerne. Bin für direkte Sprache bekannt, manchmal berüchtigt. Halte nichts davon, Fakten auf einem DIN A4 Blatt breitzutreten, wenn das Wort „Idiot“ ausreicht. Schreibe jetzt hier die Kolumne hauptsächlich. Meine Themen sind: Gesundheit, Digitalisierung, Urheberrecht und Energie. Ich bin kein Wissenschaftler, logisches Arbeiten und Denken ist mir aber nicht fremd. Bin ein Wissenschaftsfan. Lese Science Fiction. Habe Karl May gelesen, aber auch Antoine de Saint-Exupéry oder Stanislav Lem.


Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Newsletter

Um unseren Newsletter zu abonnieren geht bitte auf diese Seite und abonniert die Liste.

Archiv aller Artikel