Das Internet ist für uns alle Neuland

Freu Dich aufs Neuland

Bullauge

2013 hat Angela Merkel das auf einer Pressekonferenz gesagt, und ganz Deutschland hat gelacht. Ganz Deutschland? Ja, auch die Piraten in dem Dorf namens Piratenpartei waren am Lachen. Sehr laut. Leider sind seitdem doch einige Jahre ins Land gegangen und die „Internetpartei“ hat, was genau das anbetrifft, ein paar Schwierigkeiten. Für diese Ausgabe meiner Kolumne war ein anderer Artikel geplant. Doch unverhofft kommt oft. Im Zuge meiner Recherchen für diesen Artikel habe ich mir relativ viele Webseiten angesehen. Darunter auch etliche Seiten der Piraten. Und bin beinah mit dem Vorschlaghammer auf ein Problem gestoßen worden, das ich, seit ich in der Piratenpartei bin, sehe und bemängele.

Neuland

Wie gesagt, ich rede da schon seit Jahren drüber. Und als ich im Vorstand war, habe ich auch aktiv versucht, das wenigstens in Niedersachsen zu ändern. Gebracht hat es relativ wenig, außer öffentlichen Beschimpfungen à la „Arschlochverhalten“ z. B.

Und das ganze, weil ich mir erlaubt habe, darauf hinzuweisen, dass ein Impressum nicht nur Pflicht ist, sondern auch, wie es auszusehen hat. Und das schon seit 2007 [1].

Aber fangen wir das Ganze doch mal von vorne an. Wir sind die Internetpartei, dass zumindest sagen die Leute an den Infoständen sehr oft. Und so falsch ist das ja auch nicht. Allerdings ist die Kompetenz im Bereich IT allgemein in der Piratenpartei doch recht stark gesunken. Stattdessen herrscht sehr viel hochgefährliches Halbwissen vor. Teilweise auch hochesoterischer Blödsinn. Es gibt Webseiten der Piraten, die haben zufälligerweise die Buchstaben P I R A T E N in der richtigen Reihenfolge. Dazu noch etwas orange Farbe und fertig. Auf die Frage, warum es kein Logo/Signet der Piraten dort gibt, höre ich, dass das verwendete CMS (Content Management System/ in diesem Fall WordPress) keine Grafiken kann. Oder es wurde mir ganz stolz berichtet, dass man die Weblogs ausgeschaltet hat, aus Datenschutzgründen.

Was in Sachen Datenschutz und Webseiten so alles verzapft wird, ist schon der Hammer. Statistiken sind tabu, IPs werden nicht geloggt, Schlagwörter oder Keywords sind böse, denn wir arbeiten ja nicht für Google. Viele Seiten glänzen durch monatelange Abwesenheit von neuen Beiträgen. Besucher kommen selbstverständlich von alleine. Die wissen, wie man uns findet. Jedoch, auch da gibt es ein Problem. Denn viele Domains stammen aus der Zeit des Booms der Piratenpartei. Die war sehr chaotisch, unkontrolliert und jeder hat so gemacht, wie er dachte. Als Ergebnis gibt es keine einheitliche Namensgebung. Von Piratenpartei über Piraten mit und ohne Bindestrich zu PP- oder auch den Ort zuerst und dann Piraten mit und ohne Bindestrich. Und ich bin sicher, es gibt noch viel mehr Variationen, die ich nur noch nicht gesehen habe. Jetzt ist diese Sturm- und Drangzeit aber vorbei, und es wird Zeit, tote Domains/Seiten stillzulegen. Namen zu vereinheitlichen, Designs zu vereinheitlichen und alles was mit Domains, Webseiten und auch Social Media zu tun hat, endlich zu professionalisieren. Denn, die Partei, über die wir alle so laut gelacht haben, die hat all das. Versuchen Sie es.

Geben Sie einfach ein CDU-“hier Orts- oder Stadtname“.de . Klappt auch bei anderen Parteien. Und ausgerechnet die Piratenpartei, die „Internetpartei”, die hat das nicht.

Das Ganze nennt sich übrigens „sprechende Domainnamen“. Ein paar Beispiele: bundesregierung.de oder auch piratenpartei.de sind solche sprechenden Domainnamen.

Suchet, so werdet Ihr finden……..nicht!

Ein weiterer Knackpunkt sind die Webseiten als solche. Viele unserer Seiten sind offenbar zum reinen Selbstzweck da. Frei nach dem Motto, wir haben auch eine. Für Besucher sind nur die wenigsten gemacht. Und dass sie gefunden werden können. Na das wäre ja noch schöner. SEO-Arbeit (SearchEngineOptimizing = Suchmaschinenoptimierung) ist ebenso Neuland wie bundesweite gesteuerte Keywords. Von Canonicallinks [2] haben die meisten, die für Webseiten bei den Piraten verantwortlich sind, noch nie was gehört.

Was 2FA [3] ist, auch nicht. Und wofür man das eventuell braucht schon mal gar nicht. Nun wäre das gar nicht so schlimm, wenn ich dann anschließend wenigstens gefragt werde, was ist das den, brauche ich das etc. Leider kenne ich bisher nur einen, der bei solchen Sachen fragt.

Es gibt auch keine einheitlichen E-Mail-Adressen. Statt einer Adresse, nämlich vorname.nachname@piratenpartei.de auch hier absoluter Wildwuchs. Dazu hat praktisch jede Gliederung ihren eigenen Provider/Hoster etc. Das wundert auch nicht, denn die ehemals vorhandenen IT-Gruppen in der Piratenpartei sind kaum noch existent. Trotzdem ist es auch rein kaufmännisch gesehen natürlich totaler Mist. Dazu kommt auch hier, dass man es versäumt hat, sich auf Standards und einheitliche Regeln zu einigen. So was ist natürlich Gift in so großen Organisationen. Ich habe mehr als 30 Jahre in der EDV-Branche zugebracht. Die längste Zeit davon als EDV-Leiter zum Mieten. Meine Aufgabe war es, IT-Abteilungen entweder zu formen oder sie neu aufzustellen und auszurichten. Ich muss aber zugeben, was ich in der Piratenpartei diesbezüglich erlebt habe, toppt das meiste von dem, was ich so erlebt habe.

Dazu gehört auch ein einheitliches Design, das verbindlich festgelegt wird. Nennt sich Corporate Design [4]. Schon hier wird teilweise bis aufs Blut gestritten, wie was auszusehen hat. Jede Gliederung hat darüber hinaus eigene Vorstellungen davon, wie eine Webseite auszusehen hat. Da der Umgang mit Kreativen in der Piratenpartei, und hier zähle ich ausdrücklich auch Programmierer, Webdesigner und Autoren mit ein, doch sehr zu wünschen übrig lässt, ist es kein Wunder, dass wir auch als Partei kaum etwas in der Richtung anzubieten haben. So gab es mal mehrere Designs für WordPress, heute haben wir keines mehr bzw. nur alte, die nicht mehr zeitgemäß und vor allem nicht responsiv [5] sind. In Zeiten von Handys und Tablets dringend erforderlich. Notwendige Konzepte und Vorschläge wurden in der Luft zerrissen, aus Angst, dass man an Einfluss und Deutungshoheit verliert.

Niederlagen

Und jetzt stehen wir vor den Scherben. Wir verlieren Wahlen auch, weil wir uns ausgerechnet in unserem Bereich, unserer ureigensten Spielwiese, absolut unprofessionell verhalten. 95 % aller Webseiten erfüllen ihre Aufgabe, nämlich den Wähler zu informieren, nicht oder nur sehr schlecht. Und wenn man keinen Content selbst erstellen kann mangels Menschen, dann könnte man sich ja zumindest als News Aggregator betätigen und auf Artikel der Bundes- und oder Landesseiten hinweisen.

Macht nur sehr wenig Arbeit, geschätzte 3 – 5 Minuten, und schon hat man Content auf der Seite mit relativ wenig Arbeit. Aber dazu braucht es Informationen und Regeln. Beides gibt es nicht. Jetzt steht eine neue Mitgliederverwaltung an. Hoffen wir, dass wenigstens die es dann ermöglicht, Mitglieder per Mail zu informieren. Worüber auch immer. Und wenn es nur Unterschriften, die wir für die nächste Wahl benötigen, sind.

Und vielleicht halten wir ja statt für die Wähler da draußen (CryptoPartys) erstmal ein paar Schulungen in der Piratenpartei ab, wo die Mitglieder, die für Webseiten verantwortlich sind, wenigstens die grundlegenden Dinge lernen. Ich erwarte gar keine SEO-Profis, das braucht in der Zwischenzeit schon Jahre, bis man da wirklich gut ist. Aber die Grundzüge darüber, wie bestimmte Dinge im Internet funktionieren, das wäre schon gut. Suchen z. B. funktioniert in jeder Suchmaschine gleich, egal ob Google oder DuckDuckGo [6]. Und wenn man das weiß, dann ist das Festlegen von Schlagwörtern/Keywords auch gar nicht mehr so schwer.

Und dann könnten wir eventuell die Bezeichnung „Internetpartei“ ja eines Tages wieder zu Recht tragen.

All die Dinge, die ich hier angesprochen habe, sind absolut nichts Besonderes oder Anspruchsvolles. Unsere Kinder wachsen damit auf.

Übrigens, falls sich jemand fragt, warum ich diesen Artikel sozusagen vorgezogen habe. Ich bin mal wieder auf eine Piratenseite mit Datenschutzerklärung gestoßen. Nur leider kein Impressum!

https://www.youtube.com/watch?v=0sQdzAbrEUY

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Impressumspflicht

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Canonical_Link

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Faktor-Authentisierung

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Corporate_Design

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Responsive_Webdesign

[6] https://duckduckgo.com/

About

Ullrich Slusarczyk 1963 in West-Berlin geboren. Jetzt in Hannover. Sehr viel gemacht im Leben und sehr viel gesehen. Schreibe gerne. Bin für direkte Sprache bekannt, manchmal berüchtigt. Halte nichts davon, Fakten auf einem DIN A4 Blatt breitzutreten, wenn das Wort „Idiot“ ausreicht. Schreibe jetzt hier die Kolumne hauptsächlich. Meine Themen sind: Gesundheit, Digitalisierung, Urheberrecht und Energie. Ich bin kein Wissenschaftler, logisches Arbeiten und Denken ist mir aber nicht fremd. Bin ein Wissenschaftsfan. Lese Science Fiction. Habe Karl May gelesen, aber auch Antoine de Saint-Exupéry oder Stanislav Lem.


Kommentare

8 Kommentare zu Das Internet ist für uns alle Neuland

  1. Max Kehm schrieb am

    Das ist doch auch bei zig x OpenSource Projekten genau das gleiche Trauerspiel. Zum Beispiel Linux das sich in hunderte inkompatible Distributionen zersplittert… Die Webseite von Debian z.B. ist grauenvoll unübersichtlich und altbacken. Überblick hat dann niemand mehr.

    Piraten haben eben nicht verstanden das es nicht reicht da einfach nur irgendwas hin zu frickeln was irgendwie läuft…. Das Chaos wird von Google und CO im SEO halt leicht erkannt und dann im Ranking ins Nirvana verbannt. Um das anders zu machen bräuchte es eben eine gemeinsame Infrastruktur statt zig X Tools die jeweils von anderen Leuten die nicht miteinander reden verwendet werden… Das umzubauen würde jedoch viel Geld kosten vermute ich denn dafür bräuchte man eigentlich vollzeit bezahlte Leute. Die wollten die Piraten aber von 10 Jahren als das noch gegangen wäre nicht weil man ja alles irgendwie ehrenamtlich und OpenSource (Freibier Mentalität) haben wollte. Tja, das fliegt der Partei jetzt um die Ohren da es eben unwahrscheinlich ist das man Leute findet die solche Aufgaben jahrelang unbezahlt übernehmen, sich dafür noch Trollen und Dissen lassen und das dann auch noch so gut machen wie eine Firma/Bezahltes Team…

    Proffessionalität hat halt in der Marktwirtschaft ihren Preis….

    • Sperling schrieb am

      Meine rede seit 2009 – nicht zig Kanäle und Tools, nicht zig Logos, nicht zig Webseiten. Und meine Rede seit 2015: Nicht so ultraviele KVs etc. am Leben erhalten bei denen dann zu wenige Aktiv sind die mit Formalfoo zu viel Zeit verbraten. Ein KV/wasauchimmer ist keine Pöstchengenerator!

    • ullrichslusarczyk schrieb am

      Na ja, das würde ich jetzt nicht sagen. Die Kompetenz ist schon da. Leider wird sie nicht immer gehört.

      • Sperling schrieb am

        Naja, Bitcoin und NFTs werden ja schon kritisch gesehen (Stichwort SCAM) und sind Klimatechnisch eine Katastrophe, und nur weil Blockchain von vielen Unwissenden oder Marketingleuten (meist in Tateinheit) als Buzzword verwendet wird…

        Blockchain ist es nichts anderes als eine eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen in einzelnen Blöcken, im Prinzip nur eine dezentral geführte Kontobuchtechnologie. Das ist meist keine Lösung und oft total unnütz in dem von den Folienchampions genannten Kontexten, klingt aber so modern.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht öffentlich angezeigt. Verbindlich einzugebende Felder werden mit diesem Zeichen kenntlich gemacht: *

Weitere Informationen

Archiv aller Artikel