Triage – die Entscheidung heißt Tod!

Ich musste dieser Tage mit der Straßenbahn fahren. Das mache ich nicht gerne, da die Chance hier groß ist, auf Nasenpimmel oder Maskenverweigerer zu treffen. Das ist glücklicherweise nicht passiert, aber es gibt trotzdem Berichtenswertes:

In der Bahn saß schon ein Kind, ca. 6 Jahre alt, mit Maske, offensichtlich allein. Eine Station später stiegen zwei weitere Kinder vergleichbaren Alters ein und es entspann sich ein Gespräch. K1: Wieso trägst Du den eine Maske, das musst Du doch nicht? K2: Mein Opa ist zu Besuch und ich will nicht, dass mein Opa stirbt.

So einfach kann eine Entscheidung sein.

In Deutschland erkranken seit 2007 jedes Jahr knapp unter 500.000 Menschen an Krebs. 2019 sind ca. 231.000 Menschen an Krebs oder seinen Folgen gestorben. Die häufigste Todesursache aber sind Herz-/Kreislauferkrankungen mit mehr als 338.000 Toten.

Wer an einer dieser Krankheiten erkrankt, braucht meistens auch eine Operation. Und genau hier wird es jetzt schwierig. Denn, heutzutage werden sehr viele solcher Operationen verschoben. Zum einen, weil die Intensivstationen bereits völlig überlastet sind, zum anderen, weil man auch noch Platz für Notfälle freihalten will, wie z.B. Unfälle. Zu allem Überfluss kündigen Pflegekräfte, aber auch Ärzte und Ärztinnen im Moment überdurchschnittlich viel, und Nachschub ist nicht in Sicht.

Also verschiebt man Operationen. Denn eine Krebs- und/oder Herz-Kreislaufoperation muss nicht immer sofort sein. So eine Entscheidung ist Triage. Allerdings wird sie nicht erst sozusagen in der Notaufnahme getroffen, sondern, während der Patient sich zu Hause befindet. Es ist eine indirekte Triage. Und die Frage ist, wie viele Menschen sind eigentlich von so einer Entscheidung betroffen? Und für wie viele bedeutet diese Entscheidung den Tod.

Impfpflicht

Es wird viel diskutiert über die Impfpflicht. FDP-Parteivize Wolfgang Kubicki und 21 weitere FDP-Abgeordnete lehnen die Impfpflicht ab. Viele andere sind dafür. Ich persönlich verstehe diese Diskussion nicht. Sie kann nur aus einem einzigen Blickpunkt heraus sinnvoll geführt werden. Aus der Ich-Perspektive. Und sie verliert dabei alle anderen aus dem Blick.

„Ich will nicht, dass mein Opa stirbt!“

Wolfgang Kubicki zum Beispiel argumentiert:

“Wir könnten anders diskutieren, wenn die Impfung eine sterile Immunität wie bei Masern oder Pocken herbeiführen würde. Das ist aber nicht der Fall. Menschen wie ich mit über 60 müssen sich aller Voraussicht nach alle vier Monate impfen lassen, damit der Impfschutz erhalten bleibt.”

Was ist mit den Menschen, die sich täglich Insulin spritzen müssen? Die jeden Tag zig verschiedene Medikamente nehmen müssen, um zu überleben?

Was unterscheidet sie von Wolfgang Kubicki und allen, die so denken wie er?

Die Antwort ist so einfach wie die von K2. Sie wollen nicht sterben!

Indirekte Triage

Jeden Tag werden bereits Operationen verschoben. Jeden Tag rauben wir Menschen, die ernsthaft erkrankt sind, einen Teil Ihrer Hoffnung. Seit 2 Jahren wütet diese Krankheit, und wir, der Homo sapiens (lateinisch für = verstehender, verständiger oder weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch), sind nicht in der Lage, eine Entscheidung zum Wohle aller zu treffen?

Eine verschobene Operation betrifft nicht nur den Erkrankten, sondern auch seine Familie, seine Freunde und Arbeitskollegen. Ich hatte Glück, ich bin vor Corona erkrankt und operiert worden. Aber wie viele hatten dieses Glück nicht? Um die Zahlen vom Anfang noch mal zu bemühen. Knapp unter 500.000 Menschen erkranken pro Jahr an Krebs. Wie viele von denen denken Sie, brauchen schon im ersten Jahr eine Operation, damit der Tumor nicht zu groß wird oder gar streut? Krebspatienten fahren zur OP mit der Straßenbahn, dem Taxi oder Auto. Covid-Patienten werden durch ganz Deutschland zum Teil mit dem Flugzeug verlegt, wegen mangelnder Intensivbetten. Wie wäre es umgekehrt [1]? Ich habe Schwierigkeiten, bei uns Erwachsenen, unsere Weisheit, Vernunft oder Klugheit zu sehen.

Ein sechsjähriges Kind dagegen hatte sie.

Ich will nicht, dass mein Opa stirbt!

Wir diskutieren über Langzeitfolgen, angeblich fehlende Studien, darüber, dass wir eventuell alle 4 Monate eine Impfung brauchen. Kurz, wir verlieren uns in Details, die alle vielleicht berechtigt sind. Aber sie verlieren völlig an Bedeutung gegenüber: Ich will nicht, dass mein Opa stirbt!

Es gibt ein Lied, das heißt: Kinder an die Macht!

Ich war mal auf einem Lehrgang und unser Lehrer hatte zum Abschluss eine Art Geschicklichkeitsspiel mit einer Holzdose. Im Inneren befand sich ein silbernes 10 DM Stück. Die Aufgabe war es, ohne Werkzeug und ohne Beschädigungen, die Dose zu öffnen. Wem das gelungen wäre, der hätte das Geldstück behalten dürfen. Einziger Tipp war, man müsste wie ein Kind denken. Ich bin kein Fan von solchen Spielen, deswegen habe ich mich nicht daran beteiligt. Stattdessen habe ich gefragt, wie oft er den das Geldstück schon erneuern musste. Die Antwort war: „Nie.“

Ich bin dann allerdings genötigt worden, es auch zu versuchen, da irgendwann die ganze Klasse gescheitert war. Nach kurzem Überlegen habe ich dann die Schachtel in die Hand genommen und geschüttelt. Als Ergebnis ist das Geldstück gegen die Wände der Schublade geprallt und hat sie so bewegt und schon war die Dose offen.

Manchmal wünschte ich, es würde noch mehr Erwachsene geben, die sich noch ein klein wenig Kind bewahrt hätten. Vielleicht hätten wir dann ein paar Probleme weniger! Wenn es also um die Impfpflicht, 2G, 3G oder das Maske tragen geht, nehmen sie einfach folgenden Satz: Ich will nicht, dass mein (hier Lieblingsmensch einsetzen) stirbt! Und dann haben Sie Ihre Entscheidung. So einfach kann das sein.

Ullrich Slusarczyk

[1] https://twitter.com/Doktor_FreakOut/status/1472146237851901952

About

Ullrich Slusarczyk 1963 in West-Berlin geboren. Jetzt in Hannover. Sehr viel gemacht im Leben und sehr viel gesehen. Schreibe gerne. Bin für direkte Sprache bekannt, manchmal berüchtigt. Halte nichts davon, Fakten auf einem DIN A4 Blatt breitzutreten, wenn das Wort „Idiot“ ausreicht. Schreibe jetzt hier die Kolumne hauptsächlich. Meine Themen sind: Gesundheit, Digitalisierung, Urheberrecht und Energie. Ich bin kein Wissenschaftler, logisches Arbeiten und Denken ist mir aber nicht fremd. Bin ein Wissenschaftsfan. Lese Science Fiction. Habe Karl May gelesen, aber auch Antoine de Saint-Exupéry oder Stanislav Lem.


Kommentare

2 Kommentare zu Triage – die Entscheidung heißt Tod!

  1. Dann muss man verflucht noch mal eben mal die Impf Pflicht durchsetzen anstatt mit falscher Toleranz darauf zu warten das uns Querdenker, VerschwörungsTheorethiker und Homöophaten mit ihrem unwissenschaftlichen Blödsinn ruinieren !!!

    Wir sind da als Gesellschaft viel zu tolerant und Opfern viel zu viel für eine kleine Minderheit die auf Solidarität und Allgemeinwohl scheißt, das muss sich jetzt ändern !

  2. …und wie so oft zeigt sich, daß komplexe medizinische und juristische Probleme nicht ein einer Glosse zu lösen sind, oder wie es Weisband seinerzeit sagte: Es gibe keine einfachen Lösungen auf komplexe Probleme.

    Eine (allgemeine) Impfpflicht ist ein schwerwiegender Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Punkt. Jeder Impfung liegt eine Abwägung von Nutzen zu Nebenwirkungen zugrunde, die ein Freiheitsrecht ist.

    Deswegen gibt es Einschränkungen nur in sehr engen Grenzen. Soldaten der Bundeswehr unterliegen einer Impfpflicht, wenn die Impfung für ein Einsatzland oder ein Einsatzszenario notwendig ist. In KiTas werden nur Kinder mit Mumps-&Masernimpfung aufgenommen. Was für die Impfpflichtforderer als “Impfpflicht” populistisch verbreitet wurde, ist genau so eine berufsbezogene Pflicht aus klarer Abwägung zwischen Gefahr für die Arbeitskraft und Patienten gegenüber dem Nebenwirkungs-Risiko bei Gesundheitsberufen – also nichts neues.

    Es gab Skandäle über Grippeimpfstoffe, Gefahren von Gentechnik (“Gentechnikfrei” ist ein beliebtes Bio-Label), und es gibt unzweifelhaft Impfschäden. Deswegen hört man in Berichten über Impfskeptiker (…, nicht auf radikalisierten Demos, sondern schlicht von Leuten, die sich bisher nicht impfen ließen,…) als Argument unangefochten auf Nummer 1, daß diese Leute der neuen Technik nicht vertrauten und lieber einen “Totimpfstoff” hätten. Davon gibt es bis jetzt (m.W.!) 4 zugelassene und 1 in Zulassung; in der EU ist einer davon zugelassen.

    Es wäre mir ehrlich gesagt lieber, wenn “die üblichen Verdächtigen” statt Ivermectin Covaxin von Bharat Biotech grau importierten, aber seit dem 20. Dezember hat die EMA den “Totimpfstoff” Novaxin zugelassen. Dies etwas bekannter zu machen statt von “Nasenpimmeln” und ähnlichem dumm’ Tüch zu snåken wäre hilfreich.

    Dann gibt es noch Fälle, in denen die Familiengeschichte (Anamnese) Impfskepsis verständlich machen kann, ohne daß konkrete Individuen von einer Impfpflicht befreit würden, z.B. wenn ein oder mehrere Impfschäden (von anderen Impfungen) vorgekommen sind.

    Sehr gut finde ich, wenn Stellen wie das Bundesministerium für Gesundheit auf Telegram oder die (wegen im Saarland vorkommenden freilaufenden Franzosen installierte) französische App TousAntiCovid stetig aktuell über Risiken und Belastungszahlen berichtet (wo ist eigentlich die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung BZgA aktuell?).

    Sehr schlecht finde ich populistische Platzpatronen mit “Nasenpimmeln” und “damit der Opa stirbt”, weil sie exakt 0,nix zur Lösung des Problems beitragen.

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