Politik als Konsumartikel?

Vor mehr als 20 Jahren wurde eine Studie erstellt, die die politische Bildung junger Menschen in 28 Ländern untersucht hat. Deutschland hat dabei relativ schlecht abgeschnitten. So haben sich damals z.B. 67% der jungen Menschen an Wahlen beteiligt. Gefragt wurden 14-Jährige. Diese wären heute also 35 Jahre alt. Und irgendwie passt das. Auf der letzten LMV (Landesmitgliederversammlung = Landesparteitag) in Niedersachsen waren am ersten Tag genau 18 Mitglieder stimmberechtigt. Dabei wurde hier der Landesvorstand gewählt. Anwesend waren ein paar Jungpiraten und ansonsten die so despektierlich genannten Boomer.

Wo waren die ganzen Vorstände der Kreisverbände oder Ortsverbände? Sie alle glänzten durch Abwesenheit. Dabei wäre alleine durch Ihre Anwesenheit die Anzahl der Stimmberechtigten wahrscheinlich verdreifacht worden. Hier zeigt sich, das die Piraten vielleicht ja gar nicht so besonders, oder sollte ich sagen, außergewöhnlich sind, wie sie das nach außen hin immer propagieren. Es ist natürlich viel einfacher, zu Hause zu sitzen und sich über die da oben auszulassen, in schönster Stammtischmanier. Am besten in einem Forum, oder noch besser auf Twitter, also öffentlich. Zur Not geht auch ein Telegramchannel der Partei. Aber so ein Landesparteitag, das bedeutet Arbeit. Anreise, Berichte anhören, Kandidatenvorstellungen, wählen und schließlich das Herzstück. Die Anträge. Hier scheint aber der „Geiz ist geil“ Standpunkt zu greifen. Und was ist leichter, als anschließend alles zu bemängeln, was da verordnet wurde. Es entbindet einen von der Verantwortung und man kann das machen, was man am liebsten macht. Meckern!

Am liebsten wird dabei über den Misserfolg geredet. Den der letzten Bundestagswahl z.B. Dabei haben wir, trotz einiger organisatorischer und planerischer Probleme mit ungefähr der Hälfte an aktiven Mitgliedern das Ergebnis halten können. Und wie immer gab es positive und negative Erscheinungen.

Jetzt gilt es, das Ganze aufzuarbeiten und Konsequenzen daraus zu ziehen. Aber auch das ist Arbeit. Und schon schwindet die Menge derer, die aktiv mitarbeiten. Lediglich mit dem Mund sind viele sehr groß. Als Kind hieß es, aus Fehlern lernen. Das ist bei einer Partei nicht anders.

Angeblich sind wir die Mitmachpartei. Allerdings wird dieses Mitmachen wohl durch zu viele Regeln und Bestimmungen eingeschränkt. Und so ist es sehr vielen kreativen Köpfen schlicht nicht möglich, für uns tätig zu werden.

Kreativität ist allerdings noch nie irgendwelchen Beschränkungen unterlegen. Sie hat immer einen Weg gefunden, genau das auszudrücken, was sie wollte. Allen Vorgaben zum Trotz. Ist es also wirklich der Grund, das so wenige Menschen mitmachen zum Beispiel im Bereich Grafik und Design? Weil es zu viele Regeln gibt?

Oder könnte es nicht daran liegen, dass es so vielleicht etwas mehr Arbeit ist? Kann es sein, dass unser schlechtes Abschneiden bei Wahlen daran liegt, das viel zu wenige Piraten „mitmachen“?

Ist vielleicht das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der ganzen Kreis-, Orts-, Regions- und Samtgemeindenvorstände mit der Grund, warum sich so wenig tut?

1997 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog die sogenannte Ruckrede gehalten.

Zitat: “Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt.” Zitatende.

Ersetzt man das Wort Deutschland durch Piratenpartei, haben wir genau die Situation, wie sie jetzt in der Piratenpartei herrscht. Vielleicht ist es ja an der Zeit für einen innerparteilichen Aufbruch. Vielleicht ist es an der Zeit, sich zurückbesinnen auf alte Stärken, und das Politik vor allem eines ist, Arbeit!

Ullrich Slusarczyk


Kommentare

Ein Kommentar zu Politik als Konsumartikel?

  1. Andere Parteien haben eben den Vorteil. Die können Leute bezahlen um Arbeit zu übernehmen. Das können/tun Piraten nicht.

    Aus dem Grund will auch niemand bei OpenSource und Linux mitmachen. Da bezahlt man lieber für die Fertiglösung von Microsoft/Apple oder lässt sich bezahlen um das zu entwickeln. Unentgeldlich macht das kaum jemand. Andere Parteien bezahlen eben Designer und Marketingexperten, Piraten tun das nicht also hats halt auch kaum jemand wo das freiwillig machen will.

    Denn es gilt: Geld regiert die Welt !

    Also, wie könnten Piraten an mehr Geld kommen um das bezahlt zu bekommen und so wieder mehr zu erreichen ?

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