Schlüsselqualifikationen

Schule | CC0 (Public Domain)

Ein Gastartikel von Dr. Markus Dinglreiter @gewerch

Es ist interessant zu sehen, was heute der unter dem Stichwort “Schlüsselqualifikationen” vorausgesetzte Standard im beruflichen (und gesellschaftlichen?) Kontext ist. Wenn ich den Wikipedia-Artikel “Schlüsselqualifikation” überfliege, würde es mich nicht wundern, wenn damit viele überfordert sind. Vielleicht ist dies auch eine Ursache für einen Burnout, da – bevor man auf die Ebene der fachlichen Qualifikation kommt – der “Arbeitsspeicher” im Kopf bereits durch die erwarteten Schlüsselqualifikationen überfüllt ist.  Denn eigentlich sollten und könnten diese (auch) den Burnout verhindern.

Digitalkompetenz

Wie geht man mit diesem Problem um? Ist Qualifizierung ein Weg? Ist das auch ein Problem in der Politik, auch in der Kommunalpolitik bzw. in der oder für die Gesellschaft bzw. kommunale Gemeinschaft? Vielleicht auch eine Ursache für Rückzug (aus Erschöpfung)?

Wenn ich nur mal die Digitalkompetenz herausgreife, also eigentlich die Methode der Wahl, um das Problem der zunehmenden Komplexität zu lösen: viele, auch in Politik und Verwaltung, scheitern schon an der Einstiegsschwelle. Das Ergebnis ist: Die Komplexität erhöht sich für sie, aber auch für alle anderen, die mit ihnen zu tun haben. Und bezogen auf jegliche Führungsebene: wenn ich keine klare, entschlossene und am Stand der Entwicklung orientierte Digitalstrategie verfolge, erhöht sich durch Computereinsatz nach meiner Sicht die Komplexität für alle statt sie zu verringern.

Fallbeispiel eBooks im schulischen Umfeld

Wenn ich etwa an das Thema Digitalisierung in der bayerischen Bildungspolitik denke und nur meine Erfahrungen der letzten Wochen im Umgang mit eBooks nehme, erhöht die fehlende Digitalkompetenz (oder -strategie) im bayerischen Kultusministerium am Ende die Komplexität – auch bei mir als Vater, der seinen Kindern Digitalkompetenz vermitteln will.

Ich wollte meinen Kindern eBooks kaufen, habe die aber zunächst gar nicht auf den entsprechenden Plattformen des Buchhandels gefunden –  bis mich ein Lehrer darauf hinwies, sie seien bei den Verlagen selbst zu finden und auch nur dort. Seitens der Schule bekam ich die Auskunft, die Anschaffung von eBooks sei vom Sachaufwandsträger abhängig. Ich bekam eine Anleitung zum selbständigen Erwerb am Beispiel eines Schulbuchverlags zur Verfügung gestellt. Ich musste mich dann bei jedem Schulbuchverlag einzeln registrieren, eine Zahlungsmethode angeben und jedes eBook einzeln einkaufen. Für zwei Kinder war das ein Aufwand von mehreren Stunden.

Ich verstehe, dass sich Eltern das nicht antun wenn es zeitlich – oder aus kompetenzgründen – für sie gar nicht machbar ist, mehrere Stunden zu investieren, nur damit ihre Kinder mit eBooks arbeiten können. Im Ergebnis reduzieren eBooks die Komplexität für Kinder – und auch für am Lernstoff interessierte Eltern, erheblich. Und eBooks erweitern – etwa durch Verlinkungen mit Arbeitsmaterialien – den Lernhorizont. Es hat bei uns keinen Nachmittag gedauert, und unsere Kinder haben die eBooks als meist überlegenes Medium erkannt und angenommen.

Beschaffung unzumutbar

Den Beschaffungsvorgang in meinem konkreten Fall halte ich für schlichtweg unzumutbar. Das digitale Medium ist seit langem das führende Medium. Warum muss ich mich, damit unsere Kinder mit eBooks arbeiten können, bei jedem Schulbuchverlag einzeln registrieren und jedes Buch extra einkaufen und privat bezahlen? Das ist ein Problem, das auf oberster Ebene, also im Kultusministerium und der bayerischen Bildungspolitik anzusiedeln ist, nirgendwo anders. Warum ist es offensichtlich vom Mindset des Sachaufwandsträgers abhängig, ob Kinder in Bayern mit eBooks ausgestattet werden? Warum werden nicht alle Kinder in Bayern in Sachen digitale Teilhabe gleich behandelt? Mir fehlen in meinem konkreten Fall die zeitlichen Ressourcen an anderer Stelle, beruflich muss ich die Stunden nacharbeiten, mehrere Abende dafür einplanen. Manchen Eltern fehlen vielleicht auch die finanziellen Ressourcen, die Kinder werden dann schon ein Stück weit ohne Digitalkompetenz sozialisiert.

Fazit

Am Ende ist fehlende Digitalkompetenz – in welcher Führungsebene auch immer – nicht nur (m)ein persönliches Problem. Sie ist auch zum unternehmerischen, gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Problem geworden – gut erkennbar am Umgang mit dem “Neuland” in der Politik, der Verwaltung und den Verlagen.


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