Freiheit bedeutet Veränderung – 3/3

Eine Artikelserie von Oliver Bayer

Chancen und Risiken auf den Wegen zur Zukunft

Wenn Freiheit bedeutet, die Wahl zu haben, sich für einen Weg in die Zukunft zu entscheiden, dann bedeutet Freiheit auch, Risiken eingehen zu dürfen, um Chancen für die Zukunft wahrnehmen zu können. Risiken und Chancen sind eng mit der Freiheit verknüpft. Sicherheit scheint eine Gegenspielerin zu sein. Sicherheit ist aber auch eine Voraussetzung für Freiheit, denn auch Sicherheit erweitert zunächst die Möglichkeiten des Handelns.

Zur Anwendung der Freiheit gehört, dass ich die Risiken für mich selbst eingehen darf und nicht anderen Menschen – in der Gegenwart wie für die Zukunft – Risiken aufbürde. Auswirkungen auf die Umwelt oder das Klima zählen mit: Wenn „nach mir die Sintflut“ kommt, trage ich das Risiko nicht selbst und überschreite die Grenzen meiner Freiheit.

Zur verantwortungsvollen Anwendung der Freiheit gehört ebenfalls, dass ich das Risiko kenne; und zwar sowohl hinsichtlich Schadenshöhe als auch Eintrittswahrscheinlichkeit. Natürlich darf ich mich persönlich in Gefahr begeben, aber es wäre nett, die Gefahr zu kennen.

Das gleiche gilt für die Sicherheit: Welche Maßnahmen angemessen sind, ergibt sich aus dem Risiko, also aus Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit. Beide Faktoren sind sehr hoch, wenn es um eine globale Pandemie geht, also dürfen die Maßnahmen entsprechend ausgeprägt sein – sofern diese temporär sind.

Wenn allerdings der erwartbare Schaden im Bereich von vereinzelten Verstößen gegen Leistungsschutzrechte liegt, sind Einschränkungen von Errungenschaften keine geeignete Maßnahme. Wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit enorm niedrig ist, wie Beispielsweise bei Terroranschlägen, dann können die Maßnahmen ebenfalls schnell unangemessen sein. Es drängt sich dann der Verdacht auf, dass es bei den Maßnahmen nicht wirklich um Sicherheit, sondern um die Durchsetzung von Einzelinteressen geht. Ereignisse und Katastrophen bieten eine gute Möglichkeit, diese durchzusetzen. (Katastrophen schaffen also Entscheidungsfreiheit, die allerdings verantwortungsvoll angewendet werden muss.)

Maßnahmen im Namen der Sicherheit können schnell Veränderungen blockieren und damit Freiheit einschränken. Und oft geht es dabei gar nicht um Sicherheit, sondern lediglich um Bestandswahrung. Das Vergesellschaften von Risiken, Protektionismus und der Schutz von Geschäftskonzepten ist das Gegenteil von Freiheit: Chancen werden reduziert und die Entfaltungsmöglichkeiten und Optionen für die Zukunft gehen zurück. Die Risiken dagegen können damit sogar wachsen: Wer den Status Quo vor Veränderungen schützt, erzeugt mehr Risiken, die mit höherer Wahrscheinlichkeit eintreten. Ein Klimawandel beispielsweise lässt sich nicht wegschützen.

Das Gleichgewicht von Maßnahmen und Wirkung und das Bewusstsein für Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit könnten aktuell besser sein. Das hängt auch daran, dass Risiko unterschiedlich gefühlt wird und von subjektiven Einschätzungen und Empathie abhängt. Nicht alles lässt sich mit Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit bewerten: Niemand würde bei Terroranschlägen die Auslastung der Intensivstationen als Maßstab nehmen. Terroranschläge wachsen jedoch auch nicht exponentiell.

Und wir würden zu gern sofort Ergebnisse sehen: Bei der Pandemie können wir den Erfolg eines Lockdowns nach wenigen Wochen beobachten. Selbst das ist vielen zu viel. Beim Klimawandel dauert es Jahrzehnte und es sind viel mehr Menschen beteiligt. Wenn ich vom PKW auf das Fahrrad umsteige, bin ich fünf Wochen später noch lange nicht vor mäandrierenden Jetstreams, Hitzewellen und Hochwasser geschützt. Für meinen persönlichen Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels ist es sogar ziemlich egal, ob ich auf das Fahrrad umsteige. Aber wenn alle das tun, dann sind die Ergebnisse in einigen Jahrzehnten bedeutend. Eigentlich lassen sich mit so einer Story keine Wahlen gewinnen. Doch jeder Versuch zählt.

Scheitern gehört zum Risiko und zur angewandten Freiheit dazu. Jede Entscheidung im Sinne der Freiheit kann Scheitern bedeuten. Scheitern ist Pflichtbestandteil der Politik und der Marktwirtschaft – solange ich nicht andere für mich scheitern lasse: Ein Unternehmen ist ein Risiko und Geschäftskonzepte müssen nicht gerettet werden; vor allem dann nicht, wenn damit das Risiko auf die Gesellschaft oder die Zukunft übertragen wird. Das hat nichts mit Freiheit zu tun.

An anderer Stelle gibt es Maßnahmen der Maßnahmen willen, ohne dass das Risiko überhaupt angemessen eingeschätzt wurde. Das lässt sich immer dann erkennen, wenn wieder und wieder dieselben Maßnahmen für völlig unterschiedliche Bedrohungen ins Spiel gebracht werden – von der Videoüberwachung bis zur Vorratsdatenspeicherung. Doch nicht immer ist das einzige Werkzeug in der Toolbox auch das richtige – auch wenn bestimmte Lobbygruppen es noch so sehr bewerben. Wenn die Maßnahme oder Einschätzung bereits vor dem Ereignis feststeht, dann ist das ein sicheres Indiz für das Spiel mit Vorwänden und falschen Fakten.

Während also Maßnahmen völlig unabhängig von den Risiken ergriffen werden, werden an anderer Stelle Risiken ignoriert, deren Auswirkungen und Eintrittswahrscheinlichkeiten jedes Abwarten fahrlässig erscheinen lassen: Unsere zukünftige Freiheit ist damit hochgefährdet.

Ursprünglich entstanden Risiken dadurch, dass man sie bewusst einging, um Chancen zu ergreifen. Aktuell ist das größte Risiko, nichts zu tun und aktives Handeln zu unterlassen.

 

Freiheit ist kein Recht auf Beständigkeit

Ja, wir müssen begreifen, dass nicht zu handeln, eine größere Gefahr darstellt, als falsch zu handeln. Das gilt für den Klimawandel, globale Pandemien und das Laufen lassen entkoppelter Märkte. Lieber falsch agieren, als nicht agieren. Fehler sind dazu da, gemacht und korrigiert zu werden. In Fehlern können sogar Chancen liegen. Nichtstun führt selten zu Chancen, doch oft absehbar in Katastrophen.

In der Politik ist die Angst groß, sich durch progressive Entscheidungen schuldig zu machen und Gruppen zu verprellen. Wer nicht handelt, obwohl Handeln gefordert wäre, macht sich jedoch viel mehr schuldig. Wer die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, nicht nutzt, schränkt die zukünftige Entscheidungsvielfalt und die zukünftige Freiheit ein.

Spätestens durch die Pandemie wurde deutlich, dass Weitsicht und präventives Handeln politisch nicht belohnt wird. Wer jedoch in der Krise handelt, kann sich profilieren und gleichzeitig Maßnahmen durchsetzen, die sonst nicht möglich gewesen wären. Mitten in der Katastrophe sind die Maßnahmen zwar für die Gesellschaft um ein Vielfaches teurer, aber der politische Preis für die Entscheidung ist deutlich geringer.

Spoiler: Angela Merkel beherrscht das Spiel perfekt, notwendige Veränderungen ausschließlich in Krisen durchzuziehen. Armin Laschet hat die Merkel-Strategie des Aussitzens und des Nicht-Handelns nur oberflächlich kopiert, denn er lässt auch die Krisen links liegen und unterschätzt, dass er als Kanzler am Ende doch handeln müsste. Nur wäre es dann noch schwerer für alle.

Wenn wir gerne Gewohnheiten und Privilegien, die wir genießen, behalten wollen, ist das verständlich. Möglicherweise ist das etwas egoistisch, doch es ist auch menschlich. Wir sollten aber davon Abstand nehmen, unsere eigenen Gewohnheiten und Privilegien als „Freiheit“ zu bezeichnen. Unsere Freiheit ist kein Recht auf „weiter so“. Freiheit ermöglicht es uns, die Zukunft anders zu machen. Freiheit bedeutet Veränderung.

Freiheit wird eingeschränkt, wenn Veränderungen verhindert werden, um Gewohnheiten zu retten. Gewohnheiten verschleiern aber auch vorhandene Unfreiheit: Behindert mich die Verkehrswende in meiner Freiheit, Auto zu fahren oder bringt mir die Verkehrswende erst die Wahlfreiheit auf das Auto zu verzichten? Bin ich frei in meiner Mobilität, wenn ich mir ein Auto kaufen muss, um vom Land in die Stadt pendeln zu müssen? Was bedeutet meine automobile Freiheit für Menschen, die auf den Bus angewiesen sind, der aber nur einmal am Tag fährt?

Auch um Unfreiheit zu erkennen, müssen wir uns abgewöhnen Gewohnheiten und Privilegien mit Freiheit zu verwechseln. Und wir müssen uns erlauben, Alternativen zu denken.

Ganz wichtig: Es gibt nicht nur eine Alternative – nicht nur einen Weg! Der Weg muss nicht in fahrscheinfreiem ÖPNV, veganer Lebensweise und einem bedingungslosen Grundeinkommen enden. Genauso wenig wie die Gegenwart auf Dauer Bestand haben kann, ist die ideale Zukunft festgeschrieben. Die Freiheit zu haben, den Weg in die Zukunft selbst bestimmen und Entscheidungen treffen zu dürfen, bedeutet auch, dass völlig offen ist, wie unsere Zukunft aussehen wird. Je mehr Szenarien uns zur Verfügung stehen, desto besser. Ein vorausschauender Umgang mit unserer Freiheit, vermehrt unsere Möglichkeiten. Daher ist es im Sinne zukünftiger Freiheit, Klimawandel und Ressourcenverbrauch durch aktives Handeln einzuschränken. Wie wir das tun und wie wir uns die Zukunft vorstellen, in der wir leben wollen, liegt jedoch ganz in unserer Freiheit.

Dazu müssen wir uns erlauben, Visionen zu haben und uns Utopien vorzustellen. Nicht eine, viele konkurrierende Szenarien der Zukunft, die wir leben wollen.

 

Das Ende der Utopielosigkeit

Ziele für eine bessere Zukunft oder präventives politisches Handeln wurden in meiner Zeit im Landtag oft freundlich gelobt, aber mit den Worten abgelehnt, das sei leider unrealistisch, weil politisch nicht durchsetzbar – von den Regierungsfraktionen.

Die Gründe dafür, dass zukunftsgerichtete Politik unmöglich scheint, liegen nicht nur im Verteidigen von Privilegien, besitzstandswahrenden Interessensgruppen und dem Vermeiden von Schuld. Es mangelt auch an Vorstellungskraft. Nicht nur in der Politik. In unserer gesamten Gesellschaft gibt es abseits von Einzelszenarien von der Verkehrswende und Gendergerechter Sprache bis zum Bedingungslosen Grundeinkommen keine Vorstellung davon, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte.

Selbst die bekannten großen Ideen für eine bessere Zukunft stoßen schnell auf vorgeblich „reale“ Hindernisse. Es ist kein Geheimnis, dass es unbegrenztes Wachstum nicht geben kann. Verbrauchende werden zu Konsumverzicht aufgerufen. Doch kaum nimmt der Konsumverzicht – bspw. wegen einer globalen Pandemie – größere Dimensionen an, ist nicht mehr das Wachstum die Bedrohung, sondern die „Kaufzurückhaltung“. Wachstum ist unverrückbar das Maß aller Entwicklung. Eine andere Zukunft ist nicht vorgesehen. Wenn ein Wachstum gebremst wird, dann gilt es als Pflicht, dass mindestens irgendwo an anderer Stelle ein Wachstum entstehen muss. Da es aber kein unbegrenztes Wachstum gibt, gibt es für uns damit auch keine unbegrenzte Zukunft. Keine Zukunft ohne die Apokalypse zwischendurch, die das Wachstum zurücksetzt.

Ist die unvermeidbare Dystopie unsere Idealvorstellung von der Zukunft? Müssen wir mit diesen Widersprüchen und einer durch die Gegenwart begrenzten Zukunft leben? Können wir uns wirklich keine Alternativen vorstellen, damit wir unsere Zukunft frei gestalten können?

Noch beherrschen Dystopien die Bestsellerlisten und Streamingbibliotheken. Lange Zeit dachten wir, in der besten aller Zeiten zu leben, deren Zukunft allenfalls schlechter sein kann. Die erdachten Dystopien spiegeln die Folgen der Gegenwart (ungezügelte globale Konzerne, Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Krieg) und der Weg in eine bessere Welt führt oft zurück in ein Abbild unserer heutigen Gesellschaft, deren Freiheit und Moral unübertroffen scheint. Ein Paradoxon.

Das ideale Zeitalter der Freiheit gibt es nicht und es ist garantiert nicht heute. Der beste Weg der Zukunft muss nicht zurück in die 90er führen, als das Ende der Geschichte skandiert wurde. Freiheit ist keine Endstation. Freiheit bedeutet Veränderung! Und deshalb ist die Zukunft offen – offen für neue Zeitalter, eine neue Gesellschaft, neue Ideen und neue Entwürfe des Lebens: Wir müssen nur den Mut haben, sie zu träumen, aufzuschreiben, zu wählen, zu planen und umzusetzen.

Auch ein Klimawandel, den wir nicht mehr ganz vermeiden können, ist kein Grund, eine utopische Zukunft aufzugeben. Sie muss anders sein als die Gegenwart und das ist eine Chance und eine Aufgabe für unsere Vorstellungskraft. Dazu brauchen wir unsere Energie und unsere Kreativität, die derzeit für Zynismus verwendet werden. Zynismus ist unterhaltsam und hilft uns, mit der akuten Utopielosigkeit klar zu kommen, bringt uns aber nicht weiter.

Wir brauchen positive Zukunftsentwürfe. Wir brauchen Utopien, die wir in Büchern, Serien und Filmen erleben. Mehr als Star Trek und Sense8, mehr Hopepunk, mehr Solarpunk. Wir müssen uns erlauben, Utopien zu denken und gemeinsam zu diskutieren. Alle dürfen, können und sollen mitmachen! Ja, auch Du kannst Dir Zukunft vorstellen und anderen davon erzählen. Wenn wir die Szenarien vor Augen haben, die wir uns für die Zukunft vorstellen, dann sind vielleicht auch Utopien in der Politik möglich. Das Ende der Utopielosigkeit ist denkbar.


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Oliver Bayer

Kontakt

Geograph und Informationswissenschaftler, seit 2009 Pirat. 2012 bis 2017 Abgeordneter im Landtag NRW, seine Leidenschaft sind Utopien – in der Phantastik-Szene wie im Real Life.

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