Danke Karl, war nett mit dir – oder: Wenn die Lösung Teil des Problems ist.

Karl-Marx-Monument in Chemnitz | CC BY-SA 3.0 pixel-liebe

Sebastian Alscher CC_BY-SA_2.0 Joachim S. Mueller

Ein Gastartikel von Sebastian Alscher

Der theoretisch 200. Geburtstag von Karl Marx nähert sich, und auch ich möchte diesem smarten Analytiker meine Wertschätzung entgegenbringen, in dem ich ein paar Gedanken zu ihm aufschreibe. Nun bin ich beileibe kein Marx-Experte und der Rahmen ist begrenzt, daher sei mir die eine oder andere Unschärfe in meinen Ausführungen erlaubt, es soll lediglich ein Anstoß oder eine Motivation zur Diskussion sein. Wer den Beitrag etwas ausführlicher lesen möchte, der findet ihn hier.

Zu seiner Lebzeit herrschte eine massive, zuvor nie dagewesene Ausbeutung, vielleicht am ehesten vergleichbar mit der Ausbeutung der Menschen beispielsweise in Asien, sei es in chinesischen Fabriken für unsere Alltagsprodukte oder Textilfabriken in Bangladesch. Er analysierte, dass die Profitgier zur Verelendung des Proletariats führte, da die Arbeiter an den höheren Gewinnen aus der Ausbeutung nicht teilhaben. Die Gesellschaft gliederte sich der Terminologie nach im Wesentlichen in zwei „Klassen“, die Klasse der Kapitalisten und das Proletariat.

Aus Marx Sicht ist die Geschichte des Menschen geprägt von Kampf, vom Klassenkampf. Für ihn folgt also damit zwangsläufig, als nächstes, die Revolution des Proletariats um uns gesellschaftlich auf die nächste Ebene zu heben.

In wieweit können Marx Gedanken von damals heute noch für uns relevant sein?

Die deutliche und eindeutige Teilung der Gesellschaft in viele Arbeiter und wenige Kapitalisten, die aus Gier für den eigenen Gewinn Dinge unter ihrem eigentlichen Wert kaufen, gibt es als solches heute bei uns nicht mehr. Die Grenzen verwaschen, denn wie ist das bei Angestellten im öffentlichen Dienst? Oder bei Lehrern? Gelten sie als Proletariat, bei den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen?

Im Grunde genommen werden sie so bezahlt, wie wir das bei Wahlen (durch die Entscheidungen der Personen, die von uns gewählt werden) indirekt festlegen. Sind „wir als der Staat“ dann Ausbeuter, wenn wir die Gehälter bei öffentlichen Kindergärten und Pflegeeinrichtungen nicht auf ein angemessenes Niveau heben?

Die eindeutige Klassenunterscheidung, die in Marx’ Zeit möglich war, gibt es so heute nicht mehr, zumindest in nationalen Grenzen oder in Bezug auf die zentral-europäische Gesellschaft gedacht. Wir leben in einer Zeit des allgegenwärtigen Konsums, wo Waren für uns zum Fetisch geworden sind. Eine Einstellung, die sich unbestritten in allen Ecken der Gesellschaft wiederfinden lässt. Mit unserer Geiz-ist-geil-Mentalität kaufen wir billigst produzierte Güter ein, und damit auch „Arbeiter“ im Marxschen Sinn.

Zu unserem eigenen ökonomischen Vorteil kaufen wir Waren, die von anderen unter bitterlichen Umständen produziert wurden und wo Menschen unter Wert ihre Arbeitszeit gegeben haben und ausgebeutet wurden. Wir sind so gleichzeitig Kapitalist und Arbeiter. Es ist unstrittig, dass es heute noch solche Arten von Sklaverei gibt. Aber wer genau ist es, der dafür verantwortlich ist? Im Wesentlichen wir als Konsument, denn wir wollen nicht verzichten.

Persönlich stört mich ein anderer Aspekt an Marx Gedanken, am meisten wenn er unreflektiert in die Gegenwart übertragen wird. Es ist der Gedanke, dass die Menschen nur durch eine Revolution des Proletariats Veränderung bewirken können. Wenn die „klassisch“ marxistischen Gedanken in die Gegenwart getragen werden, dient das häufig dem Aufbau eines „Wir gegen die“-Bildes, und dem Heraufbeschwören eines vermeintlich anstehenden Endkampfs, der gefochten werden muss.

Das erweckt den Eindruck, als wären für Veränderung große Opfer nötig. Nun wird nicht jeder Lust und Freude am Kampf empfinden, aber sich doch der eine oder andere potentiell gerne in Gestaltungsprozesse einbringen wollen, wenn es diese gibt und sie bekannt sind. Die Vorstellung von enormen Hürden für Veränderung schreckt aber Menschen ab, das arbeitet der Demokratie als „Gesellschaftsform zum Mitmachen“ entgegen. Es ist also eine Demobilisationsstragie par excellence. Menschen ziehen sie sich zurück und fühlen sich als Opfer, weil sie ja keine andere Gestaltungskraft besitzen, als durch die Revolution – und wer will das schon. Das hingegen ist meiner Meinung nach zutiefst unpiratig. Denn wir sehen die Kraft und Macht im Einzelnen, der Dinge anstoßen und organisieren kann, um als Gruppe von Gruppen Dinge zu bewegen.

Wir sind keine Opfer mehr

Wir sind keine Opfer mehr. Wir sind schon lange keine Opfer mehr. Wir als Gesellschaft können wählen, wer uns regiert. Wir als Gesellschaft können bestimmen, welchen Unternehmen wir unser Geld geben. Und wir als Gesellschaft können uns einen ordnungspolitischen Rahmen geben der entscheidet, wie Leben und Miteinander aussehen. Dazu muss niemand kämpfen, dazu müssen keine Menschen sterben.

Um das zu tun brauchen wir nur die Erkenntnis, dass wir gemeinsam für ein großes Ganzes arbeiten können, indem wir uns schon im Kleinen einbringen, dass wir Ideen hinaustragen, hinterfragen, neue Konzepte entwickeln, Vorschläge erarbeiten, und das in den öffentlichen Diskurs einbringen. Es ist nichts anderes als einfache Arbeit, die auch Spaß machen kann. Auf die Revolution zu warten ist bestenfalls schlichtweg Zeitverschwendung, Ablenkung und Ausrede, schlimmstenfalls wirkt es einer gelebten Demokratie entgegen. Denn Gestaltungskraft haben wir schon jetzt. Wir müssen sie nur nutzen.

Wir sind keine Opfer, wir sind Gestalter.

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Kommentare

3 Kommentare zu Danke Karl, war nett mit dir – oder: Wenn die Lösung Teil des Problems ist.

  1. Tensor schrieb am

    “Wir sind keine Opfer mehr. Wir sind schon lange keine Opfer mehr. Wir als Gesellschaft können wählen, wer uns regiert. Wir als Gesellschaft können bestimmen, welchen Unternehmen wir unser Geld geben.”

    Tun wir aber nicht. Mit dem Können ist das immer so eine Sache, wenn wir es nicht WOLLEN; sonst säßen Piraten im BT und wir würden nicht bei Amazon einkaufen (und Amazon-Gutscheine auf BPT verschenken). Amazon ist so schön billig und bequem. Was juckt uns da, wie dort die Arbeit “organisiert” ist. Die Deppen, die dort schuften müssen, hätten ja was Vernünftiges lernen “können”. Genau an dieser Stelle (wie an vielen anderen auch) ist schon das “Können” deutlich eingeschränkt.

    Dein Optimismus mit dem “Können” in allen Ehren – aber wir “können” ja nicht einmal im Rahmen dieser Partei vernünftig zusammen arbeiten; was auch für die anderen “Oppositionsparteien”, die was ändern “könnTen” gilt.

    Was Marx angeht: Ich fürchte, vieles von seiner Kapitalismusanalyse ist auf die heutige Zeit sehr wohl übertragbar. Natürlich nicht alles. Die Technisierung und insbesondere die Digitalisierung konnte er unmöglich vorher sehen. Aber ich stimme dem Autor zu, dass die von Marx gezogenen Schlussfolgerungen der Notwendigkeit von “proletarischen Revolutionen” falsch sind. Der große Feldversuch ist schließlich de facto überall auf der Welt gescheitert. Die Notwendigkeit von Änderungen ist hingegen nicht weg zu diskutieren. Spätestens wenn uns eine wichtige, für das Wachstum essentielle Ressource ausgeht, ist Schluss mit der schönen westlichen Konsumgesellschaft. Dann ergeben sich Änderungen zwangsläufig. Wie fundamental und brutal sie sein werden, hängt in der Tat davon ab, was wir aus unserem noch vorhandenen “Können” der Einflussnahme anfangen. Immerhin gibt es schön genügend Staaten wie die Türkei, wo Einflussnahme eher “nicht erwünscht” ist. Und schauen wir uns das bajuwarische PAG an – Tendenzen dahin gibt es auch in Deutschland. Dagegen sollten wir uns zuerst wehren.

  2. Jano schrieb am

    Man kann “Revolution” auch definieren anhand der Physik. Revolution heisst im Englischen und in der Physik “Umdrehung” und bezieht sich auf die Anzahl der Umdrehungen pro Zeiteinheit, die man braucht, um ein Brett zu bohren.

    Die geistige Revolution, die Marx (dahingehend korrigiert) anspricht, ist dann übertragenermaßen die Anzahl von geistigen Umdrehungen (Anzahl Durchläufe/Iterationen eines Phasenkonzepts der freien Willensbildung), die eine “Diskursarbeiterschaft” braucht, um transparent und qualitätsorientiert ein Problem zu lösen. Diese Definition von geistiger oder “Stiller Revolution” ermöglicht im Gesamkonzept der (echten) Erweiterten, Liquiden Demokratie nicht nur geistige Arbeit, Gewissen, Gemeinwohl und Vernunft zu messen sowie beim Lösen wichtiger und existentieller Menschheitsprobleme, transparent und nachvollziehbar vor einem Beschluss, die Anzahl geistiger Umdrehungen und Lernen eigener Werte zu erhöhen und dementsprechend auch einem Kollektiv, sich dezentral und gemeinwohlorientiert selbst zu regulieren und selbst zu kontrollieren, sondern auch:

    MEHR FREIHEIT (von Massenmanipulation) und MEHR DEMOKRATIE, die sich zudem auch an Marx bis Poppers Unterscheidung von Wissenschaft versus Ideologie orientiert. Dies bekommen viele Linke jedoch heute im Lichte ihrer Fortsetzung der antideutschen Hetze der Frankfurter Schule (Die Ursachen für Faschismus lägen im Deutschen) jedoch nicht in den Blick. Sie verharren in regressiver antideutscher statt antisemitischer (nationalsozialistischer oder islamischer) Hetze, die auch bei Piraten griff und immer noch greift, und die, wie im Fall von islamischem Antisemitismus sogar, in perversen Doppelstandards denkend, konsequent ignoriert wird.

    Solche Pervertierungen hat die Marx’sche Philosophie immer wieder erfahren. Die allererste Pervertierung war die Zentralisierung und Entstehung der Partei im Zeitalter von Lenin mit dem nachfolgenden Faschismus Stalins. Seitdem wiederholt sich das Spiel und durch die Bewusstlosigkeit der Protagonisten über systembedingte Unfreiheit auch das gewalt- und herrschaftsbedingte Täter-Opfer bzw. Räuber-Beute-Spiel goes on, als wenn es keinen gesunden Menschenverstand gäbe.

    Das qualitätsunsprezifische, intransparente Räuber-Beute-Spiel in Wahlen und Abstimmungen nach Republikstandard als Voraussetzung für die Fremdsteuerung des Souveräns, die Phänomenologie der 1. bis 4. industrielle Revolution und die Ausprägung des allmendevernichtenden Kapitalismus wiederum zu leugnen, wie es der 1V der Piratenpartei tut, bestätigt die allgemeine Bewusstlosigkeit, die mit Marx auch Dutschke anmahnte, und die die Piraten weiterhin zunehmend in der Bedeutungslosigkeit verschwinden lässt. Insofern sind auch die Piraten Opfer ihrer eigenen Ignoranz und des Systems.

    Durch die Bewusstlosigkeit über die systemischen und ideologiebedingten Ursachen geistiger Regression (des Individuums und der Masse) und durch die unkritische Praxis und Fortführung von unfreien, manipulativen Abstimmungen kommt es unweigerlich zur Regression und Fremdsteuerung des Diskursproletariats. Damit ist ideologietypisches Schwarz-Weiss-Denken, Personifizierung und Totalitarismus in Folge von Schwarz-Weiss-Abstimmungen und “Kampfstress” gemeint und damit verbunden die (unbewusster) Aushebelung von Vernunft, verbunden mit wertepervertierender, geduldeter Unfreiheit bis Gehorsam. Dass Schwarz-Weiss-Abstimmen die menschliche Freiheit und das Potential der Weisheit der Vielen beim Lösen komplexer Probleme auf ein Minimum von 1 Freiheitsgrad reduziert, scheint den herrschenden Linksideologen bei den Piraten dauerhaft nicht zu stören.

    Insofern seid ihr Opfer eurer eigenen Ignoranz!

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