“Liebesbrief” an den Bundesparteitag

BPT in Bochum | CC BY-SA 2.0 Joachim S. Müller

Lieber Bundesparteitag,

Ich kenne dich nun schon seit mehr als 7 Jahren, und in dieser Zeit haben wir viel miteinander durchgemacht. Zu Beginn warst du ungestüm, chaotisch und sehr anarchisch – sowohl in deinem Auftreten als auch in deinen Inhalten. Ich habe bei dir mitbestimmt als normaler Teilnehmer, auch mal in deinen Eingeweiden mitgearbeitet, über dich vorher, währenddessen und nachher berichtet und bin dir einmal ferngeblieben. So manche Anekdote ist über die Jahre in Erinnerung geblieben: Lustiges, Peinliches, Katastrophales und auch Nachdenkliches. Und nicht zu vergessen Sprüche wie “Wenn ich rede, ist kein GO-Antrag” oder Unvereinbarkeitsbeschlüsse mit rechtem Gedankengut oder der AfD.

Abstimmung auf dem BPT 13.1 | CC BY 3.0 DE> von Frank Coburger>

In all der Zeit hast du, lieber Bundesparteitag, viele Dinge beschlossen, so manches verkackt und eine Vielzahl Beschlüsse gefasst, die in der deutschen Politik noch niemand gewagt hat bzw. die niemals zur Entscheidung gekommen wären. Und immer ist ein großer Teil von dir mit zufriedenem, ein kleinerer Teil mit wehen Herzen nach Hause gegangen und hat sich vorgenommen: Nächstes mal machen wir es besser/weiter so. Nicht selten ist ein Teil von dir nach Hause gegangen in der Überzeugung “Da gehöre ich nicht mehr hin!”, was dann entweder zu irrelevanten Kleingruppen führte oder, meistens, zur Resignation.

Du hast auch viele verschiedene Leute in den Bundesvorstand gewählt, einerseits, weil es notwendig war, andererseits, weil irgendwer in deiner Abwesenheit die Geschäfte führen sollte. Dabei hast du dir eingebildet, diese Geschäftsführer tun dies nur im Sinne deiner Beschlüsse, auch wenn Unvorhergesehenes passiert. Was, wie du sicherlich schon immer im innersten deines Wesens wusstest, Bullshit ist.

Um dem Problem, das deine Geschäftsführer eigenständig handeln müssen, zu begegnen, kamen viele Leute auf die Idee: Da müssen wir eine Kontrollfunktion einführen, am besten was digitales, was zum spielen und mit Schokolade  Mitbestimmung. Leider klappte das nicht, denn ein Teil von dir wollte dabei die Grundlagen der Basisdemokratie zugunsten einer Form der permanenten oder temporären Delegation abschaffen, ein anderer Teil wollte das nicht – heraus kam der BEO, und der BEO orientiert sich in seinen Prognosen zur Funktionsfähigkeit wohl eher an der Forschung zu Fusionsreaktoren als deinem Bedürfnis zur Mitbestimmung.

Was du, lieber Bundesparteitag, bei all diesen Dingen aber gerne ignorierst: Die Verantwortung dafür, wie die Partei heute dasteht, trägst du zu einem großen Teil alleine. Keine BuVos, keine Pressearbeit, keine Spinner in irgendwelchen Landesverbänden. Du.

BuVo Aussprache Bochum

Aussprache | CC-BY-SA u1amo01

Du hast es verkackt, Du hast BuVos gewählt die nicht zusammenarbeiten können, weil Sie nicht zusammenpassen, du hast Anträge angenommen, die heute wohl keine Mehrheiten bekommen würden, du hast es zugelassen das du manipuliert wurdest … und jetzt, jetzt ist es an der Zeit damit Schluss zu machen. Es wird Zeit, das du einen BuVo wählst, der harmonieren kann (und zwar nicht als gute Demokraten, sondern tatsächlich) und es wird Zeit, dass du festlegst, wofür wir in der Außenwahrnehmung stehen wollen. Und vor allem wird es Zeit zu reden.

Um zu reden bedarf es zweierlei Akteure: Diejenigen, die etwas sagen, und diejenigen, die zuhören (wollen). Wer etwas zu sagen hat, dem soll Gehör gegeben werden – vorne, auf der Bühne. Wem das zu viel ist, der kann ein/e Stellvertreter/in schicken.

Wer zuhören will oder soll, dem muss man sein Spielzeug aus der Hand nehmen wie einem störrischem Kind. So wie es als unhöflich gilt, ins Smartphone zu gucken wenn jemand mit dir spricht, so wie es dumm ist, auf YouTube Videos zu gucken, wenn der Prof eine Vorlesung hält, so ist es auch … nennen wir es mal eine Frechheit, das ein großer Teil von dir in sein Notebook auf Katzenvideos, Twitter, Serverlogs oder sonstwas starrt oder labert, wenn jemand vorne am Mikrofon steht.

Mag sein, dass dich das Thema nicht interessiert, mag sein, dass du schon weißt was du abstimmen willst. Und ja, manch einer guckt vielleicht auch auf den Antragstext des nächsten Antrags. Aber letzteres hättest du schon zuhause, oder auf dem Weg zum Veranstaltungsort oder beim Frühstück machen können – das Argument, das keiner über 400 Anträge (wie z.B. in Bingen) lesen kann, gilt schon lange nicht mehr.

Deine Aufgabe ist es, Beschlüsse zu fassen und $Leute zu wählen, die in deiner Abwesenheit $Dinge tun oder $Sachen entscheiden. Wenn du dabei die Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Dreijährigen an den Tag legst und, während eine/r redet, lieber surfst, twitterst, laberst oder Dinge tust, die du schon vorher hättest tun sollen, wird das wieder nichts.

Also, lieber Bundesparteitag: Klappe halten, Twitter aus, Notebook zu und zuhören – wir haben einen Job zu erledigen, und dazu bedarf es deiner Aufmerksamkeit. Da ich aber sehr wohl weiß, dass du das nicht durchgängig kannst und du miteinander reden musst, brauchst du, über den Tag verteilt, ein paar Pausen zu absehbaren Zeiten. So wie in der Schule oder am Arbeitsplatz, die gibt es da ja nicht ohne Grund. Es wird Zeit, das du die Arschbacken zusammenkneifst, deine Job machst, dir zwischendrin auch mal ne Pause gönnst und Verantwortung übernimmst.

Dein Sperling


Kommentare

2 Kommentare zu “Liebesbrief” an den Bundesparteitag

  1. Ja, vor allem das ständige Geschwätz. Das hat mir letztes Mal in Düsseldorf – ausgerechnet in meiner derzeitigen Heimatstadt, wo ich keine Übernachtung suchen mußte und die Teilnahme eigentlich bequem war – den zweiten Tag genommen. Denn dabei geht es nicht nur einfach um Generve oder Unaufmerksamkeit. Das ständige Geschwätz macht eine solche Arbeits(!)-Veranstaltung für Menschen mit Reizfilterschwäche zum Spießrutenlauf. Oder kurz: Es nimmt dem Parteitag ein Stück weit Barrierefreiheit. Ich hatte darüber geschrieben: Piraten: Klausur vs. Klassentreffen – an dem Sonntag, an dem ich eigentlich gern weiter am Parteitag teilgenommen hätte. Aber es war mir unmöglich gemacht worden.

    Diesmal kann ich nun gar nicht teilnehmen, und einer der Gründe (wenn auch nicht der einzige) ist die Sorge, daß es wieder so sein wird. In Regensburg, weit weg von meiner Wohnung, hätte ich dann möglicherweise gar keinen Rückzugsraum mehr. Laufen Dinge dann richtig schief, dann lande ich statt in einem ruhigen Raum in einer Akutstation einer Psychiatrie, weil sich Leute nun mal nicht mit diesen Symptomen auskennen, nicht einmal die meisten Ärzte. Das kann und will ich nicht riskieren (meine Erfahrungen mit Psychiatrie, sind, freundlich ausgedrückt, ausschließlich negativ).

    Wenn das Sozialverhalten eines Teils der Teilnehmer eines Parteitags die Teilnahme anderer, die da gern arbeiten möchten, verhindert, dann ist was gewaltig schiefgelaufen.

    Gruß, Frosch

  2. Don_X schrieb am

    Du kannst leider nicht erwarten, dass sich Menschen in ihrem Sozialverhalten an deiner “Reizüberflutung” orientieren. Das können mglw. die, welche deine Probleme kennen. Du solltest aber nicht verlangen, dass sich Andere (etwa ein ganzer BPT) an deinen exclusiven Problemen ausrichten. Das fände ich nämlich egozentrisch, so sehr Du auch mein Mitleid für dein Leiden hast.

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