Ihr braucht Euren Glauben nicht zu verstecken

Strassenkreuz in Frankreich | CC BY SA Emmanuelle Roser

Manchmal verläuft der Kampf um Freiheiten seltsam: Aus einem “Ihr müsst so nicht leben” wird ein “Ihr dürft so nicht leben”. Im Programm der Piratenpartei steht viel über die Trennung von Staat und Kirche und dass Privilegien für Religionsgemeinschaften nicht mehr zeitgemäß seien. “Outet” sich ein Pirat als gläubiger Mensch oder lobt er das, was unter “christliche Werte” verstanden wird erntet er gelegentlich heftige Ablehnung. So ging es Arne Hattendorf aus Niedersachsen.

Flaschenpost: Arne, zur Zeit bist du ständig für die Partei unterwegs. Verwaltungstreffen, Wahlkampf. Hattest du wenigstens an Ostern etwas Ruhe? Deine Stillen Tage sozusagen?

BigArne: Es geht. Ich bin wegen meines Berufs (Datenbankentwicklung und -sicherheit) momentan viel bei einem Kunden in Hamburg und wenig zu Hause. Deswegen bleibt nicht so viel Zeit für Parteiarbeit. Die Woche nach Ostern habe ich Urlaub gemacht, am Wochenende nach Ostern habe ich das Kandidatentreffen in Chemnitz moderiert. Das war anstrengend, aber es hat auch eine Menge Spaß gemacht. Stille Tage werden überbewertet ;o)

Flaschenpost: Wobei Religion in deinem Leben schon eine Rolle spielt.

BigArne: Eher untergeordnet. Ich bin evangelisch gewesen, meine Frau katholisch. Als es Pläne gab, Mischehen doppelt zu besteuern, sind wir beide aus der Kirche ausgetreten. Ich sehe mich selbst als Christ, wobei es mir insbesondere auf die Werte ankommt, die Christus vertreten hat, das Nächstenliebe-Gedöns und so, wobei es mir nicht wichtig ist, ob er eine real existierende oder eine fiktive Person war.

Mein religiöser Leitfaden ist so etwa: Wenn jeder, bevor er (oder sie, oder …) etwas Wichtiges tut, darüber nachdenkt, was hätte Christus in dieser Situation getan, wäre die Welt ein besserer Ort. Wichtig ist für mich, gerade im Bezug auf Glauben, auch ein großes Maß an Toleranz gegenüber Andersdenkenden, allerdings nur, solange sie sich im Rahmen unserer Grundordnung bewegen. Auch gegenüber aggressiven Missionaren ist meine Toleranz endlich. Sowieso halte ich etwas von einem Realitätscheck. Wenn mich jemand auf die linke Wange schlägt, werde ich nicht die rechte Wange hinhalten, sondern eher “Arschloch” sagen. Außerdem: Darwin rulez! Kein Kreationismus als Alternative zum Darwinismus an Schulen.

Die Kirche spielt übrigens in meinem Leben immer noch eine gewisse Rolle. Wir in Wolfenbüttel Nordost sind ein sehr heterogener Stadtteil. Die Kirche hat mit einer Initiative “Quartier Nordost” verschiedene Gruppen, wie Alte, Junge, Fachhochschule, Flüchtlinge, Migranten, etc. zusammengebracht und sorgt damit dafür, dass bei uns alles ein bisschen zusammenwächst. Könnte natürlich auch wer anders machen. Hat in den letzten 30 Jahren aber keiner. Die Unterstützung von Seiten der Stadt ist, wie sie bei einem Verein auch wäre, wir machen in Wolfenbüttel da keine Unterschiede.

Das Zweite ist, dass sich die Kirche in der Gemeinde, zu der ich gehöre, gegen Atomlagerung in der Asse und Vorratsdatenspeicherung stark macht – also was Bürgerrechte angeht, an unserer Seite steht. Leider sieht das in anderen Kirchengemeinden auch manchmal anders aus. Es gibt immer noch zu viele Kirchenoffizielle, die sich bevorzugt im Gestern bewegen.

Flaschenpost: Auf der anderen Seite steht die Kirche oft im Mittelpunkt der Kritik. Und auch wenn wir Piraten für die Trennung von Religion und Staat eintreten, sehen sich bekennende Christen in der Partei gelegentlich diffamierenden Angriffen ausgesetzt. Worauf führst du den Mangel an Wertschätzung anderen gegenüber zurück?

BigArne: Auch wenn sich die Kirche in den letzten Jahrzehnten weiter entwickelt hat, ist es nur all zu häufig berechtigt, wenn die Kirche mal wieder wegen irgendwelcher Vorkommnisse im Mittelpunkt der Kritik steht. Das kann aber eigentlich nicht der Grund sein, warum Christen von anderen Piraten verbal, manchmal auch ausfallend, angegriffen werden. Auch die Forderung der Trennung von Kirche und Staat sollte nicht dafür verantwortlich sein, denn diese Forderung wird von den meisten Christen, die ich kenne, prinzipiell unterstützt.

Ich greife mal eine Szene vom letzten BPT auf: Bei der Vorstellung eines Kirche-Staat-Trennungs Antrags, dem ich in weiten Teilen zustimmen könnte, wurde mit dem ersten Satz allen – auch gemäßigten – konfessionellen Christen unterstellt, sie wären nicht zum selbst Denken fähig. Im ersten Satz mal eben ca. 50 Millionen Menschen allein in Deutschland beleidigt. An anderer Stelle wurde mir auf Twitter unterstellt, ich sei kein richtiger Christ, weil ich eben kein extremer Bibelfreak bin, der jeden Satz glaubt, der dort geschrieben steht.

Eine mögliche Erklärung wäre, dass Menschen, die von Ihrer Weltanschauung 110prozentig überzeugt sind, manchmal dazu neigen, massiv gegen andere Anschauungen anzukämpfen. Eine andere Möglichkeit läge in der Tatsache, dass manche Menschen so weit vom christlichen Glauben entfernt sind, dass sie die Beleidigung kaum wahrnehmen, weil sie in Ihrer Sicht der Dinge einfach nur eine Wahrheit aussprechen. Aus der Sicht eines extremen Atheisten könnte zum Beispiel die Aussage “kein richtiger Christ” sogar ein Kompliment sein.

Bei manchen Piraten entsteht allerdings auch der Eindruck, dass sie in ihrer Sicht der Kirche vor 1000 Jahren stehengeblieben sind, also ungefähr zur Zeit der Kreuzzüge. Da könnte man auch den Piraten vorwerfen, sie hätten Cäsar entführt, das ist auch nur etwas mehr als 2000 Jahre her. Gelegentlich werden auch Begriffe wie Atheismus und Agnostik durcheinander geworfen oder allgemein anerkannte Definitionen, z. B. zu Glauben, werden ignoriert. Da kann ich dann einfach nur Facepalmen oder Kopftischen.

Besonders viel Gegenwind habe ich anscheinend für die Aussage bekommen, dass Atheismus auch ein Glaube ist. Ich vermute, dass Problem ist, dass ich damit Atheismus auf eine Stufe mit Religionen gestellt habe. Mein Eindruck ist, dass manche den Atheismus als überlegen und Religionen als minderwertig sehen. Unabhängig davon, ob die Definition von Glauben das hergibt oder nicht, werde ich in Zukunft jedenfalls darauf verzichten, Atheismus als Glauben zu bezeichnen. Ich werde allerdings nicht aufhören, extremen Missionaren entgegenzutreten, unabhängig davon, ob es atheistische, christliche oder sonstwelche sind.

Flaschenpost: Hand auf’s Herz: Es ist nicht selten, dass jemand, der auf etwas verzichtet, sich anderen moralisch überlegen fühlt: Nichtraucher, Vegetarier, Radfahrer, Abstinenzler, Fernsehverweigerer und eben auch Atheisten – jeder von ihnen weiß, zu welcher Gruppe er nicht gehört oder gehören will. Fehlt uns Piraten, die wir ja so intensiv für die Anerkennung aller möglichen Lebensentwürfe eintreten eine Laissez-faire-Einstellung für längst Bekanntes?

BigArne: Da bin ich froh, dass ich mir Zeit zum Nachdenken nehmen kann, das ist eine schwierige Frage. Ich betrachte zunächst mal das Thema Rauchen. Ich habe vor langer Zeit mit dem Rauchen aufgehört. Auf der einen Seite mache ich kein Hehl daraus, dass mir rauchfreie Discos, Kneipen und Restaurants gefallen. Ich fühle mich aber trotzdem nicht irgendwie moralisch überlegen, in meinen Augen wäre das absurd. Ich weiß aber, dass das bei einigen Nichtrauchern anders ist. Merkt man zum Beispiel daran, dass sie Rauchen selbst dort verbieten wollen, wo keiner belästigt wird.

Nehmen wir den Vegetarismus. In dem Augenblick zum Beispiel, wo ein Vegetarier andere ernsthaft als “Aasfresser” bezeichnet, brauche ich das wohl nicht weiter zu kommentieren. Auf der anderen Seite gibt es auch Omnivoren unter den Menschen, die zu abfälligen Kommentaren über Vegetarier neigen. Habe ich in jungen Jahren auch gemacht, dafür schäme ich mich heute noch, obwohl das inzwischen 30 Jahre her ist. Das resultiert aber meiner Ansicht nach eher aus Unverständnis, als aus irgendeinem Anspruch auf moralische Überlegenheit.

Aggressive vegetarische Missionare sind auch nicht so häufig, fallen aber auf, weil sie eben laut und aggressiv sind. Es auch das Gegenteil: Vegetarier, die selbst auf Nachfrage nicht zugeben würden, dass sie es unangenehm fänden, wenn ich direkt gegenüber von ihnen ein Steak ‘englisch’ esse. Die fallen eben auch nicht auf. Ich finde sowas auch übertrieben, Weltanschauungen mögen Privatsache sein, aber das heißt nicht, dass sie nur im stillen Kämmerlein ausgelebt werden dürfen. Man sollte eben andere Leute nur nicht mit seinen Weltanschauungen belästigen. Wenn jemand allerdings zum Beispiel eine Sichtallergie gegen Kreuze oder Kopftücher hat, und schon beim Anblick dergleichen Ausschlag bekommt, ist das nicht mein Problem.

Flaschenpost: Kannst du das in einen Slogan bringen, der sowohl nach innen als auch nach außen wirkt?

BigArne: Bis letzten Sonntag wäre meine Antwort “Nein” gewesen. Das hat sich geändert, allerdings gibt es dazu eine Vorgeschichte: Ich besuche gelegentlich christliche Gottesdienste, evangelisch, katholisch oder ökumenische. Bei dem Gottesdienst zur Konfirmation haben Evangelische, Katholische, Orthodoxe, Konfessionslose und Atheisten zusammen ein einfaches Abendmahl gefeiert, und das gelebt, worauf es ankommt. Gemeinschaft. Einige andere waren zum Gottesdienst gekommen, wollten sich aber nicht am Abendmahl beteiligen, was aber als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Ich möchte an dieser Stelle mit einem Zitat aus der Predigt enden, sinngemäß, weil ich den Wortlaut nicht mitgeschrieben habe:

“Ihr sollt niemandem Euren Glauben aufdrängen. … Aber ihr braucht Euren Glauben auch nicht zu verstecken.”

Flaschenpost: Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Gespräch genommen hast.

About Michael Renner

Meine Karriere als Redakteur bei der Piratenpartei startete 2009 beim Bundesnewsletter, aus dem 2010 die Flaschenpost hervor ging. Im Sommer 2012 wurde ich stellvertretender Chefredakteur, Anfang 2014 Chefredakteur. Da die unzähligen Aufgaben an der Spitze der Flaschenpost einen Vollzeitjob in der Freizeit mit sich bringen machte ich nach zwei guten, aber auch stressigen Jahren zwei Schritte zurück und gab die Redaktionsleitung ab. Die gewonnene Freizeit wird in die Familie und mein zweites grosses Hobby, den Amateurfunk, investiert.


Kommentare

Ein Kommentar zu Ihr braucht Euren Glauben nicht zu verstecken

  1. @HuWutze schrieb am

    “Atheismus ist auch nur ein Glaube” – Korrekte Aussage und meinetwegen darfst/sollst du den Begriff gern weiter benutzen. Und zwar genau so lange, wie du von solchen Individuen dafür angegiftet wirst einen “Glauben an etwas” zu besitzen und das öffentlich tust. Wir “glauben” auch die Welt mit der Piratenpartei verändern zu können … also sollten jene mal schön den Ball flach halten und zuerst vor der eigenen Tür kehren. Denn genau jene sind es oft, die jedwede Kinderstube vergessen.

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Arne Hattendorf

Kontakt

Arne Hattendorf wurde 1967 geboren, Pirat ist er seit 2009. Arnes Schwerpunkte liegen im Bereich Datenschutz, Bürgerrechte, und Bildung. Im Stadtrat von Wolfenbüttel sass er von 2011 bis 2016.

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