Ketzer und Revolutionäre unter Piratenflagge

Pirates - Outside the Opera House. Pirate flags are everywhere in downtown Norfolk | CC BY 2.0 Roger Gregory

Kommentare

14 Kommentare zu Ketzer und Revolutionäre unter Piratenflagge

  1. Manfred Steffan schrieb am

    Wenn ich das richtig verstehe: Wir brauchen keine mühsame Sachpolitik für den Normalbürger, denn wir haben Visionen? Die PIRATEN als Weltanschauungsgemeinschaft statt als politische Partei?

    • parzival schrieb am

      Hallo Manfred, kein Entweder-Oder sondern beides. Es braucht die mühsame alltägliche Sachpolitik wie das proaktive Denken und Handeln in Richtung der realistischen Utopien. Das eine machen bedeutet nicht das andere lassen. Die Aussage war: Über die alltäglichen Herausforderungen nicht das große Ganze und die realistischen Utopien aus den Augen verlieren. Deshalb brauch es in jeder Bewegung, Partei und Gesellschaft sowohl die Tatsachenmenschen als auch die Möglichkeitsmenschen in einem Team. Beide sind wichtig. Die Realisten und die Utopisten, die Macher und die Träumer.

      Gruß Parzival

  2. Ich verstehe den m.E. sehr gelungenen Beitrag von Parzival eher so, dass zum einen die Piraten, die politische Ämter anstreben, in sich gehen sollten, ob sie den Anforderungen eines ehrlichen und redlichen Piraten-Politikers gewachsen sind. Und andererseits wurde darin im Gegenzug auf die Verantwortung zur Achtsamkeit der Piraten-Mitglieder aufmerksam gemacht. Sachpolitik ist natürlich ein großer Faktor, doch wir sollten unsere Visionen nicht vergessen oder verraten. Es sind dabei keineswegs zweckorientierte, notwendige Koalitionen ausgeschlossen. Aber wir sollten uns von den anderen Parteien nicht zur Hure machen lassen, wie bei den meisten etablierten Parteien der Fall. Dennoch bin ich persönlich der Meinung, dass die Entscheidung der Mehrheit auf dem Bundesparteitag in Halle aus strategischen Gründen die richtige war, der Netzpolitik vorerst die Priorität einzuräumen.

  3. Martin 1093 schrieb am

    Utopien sind dafür da, angestrebt zu werden, nicht erfüllt zu werden. Wenn wir uns dieser Tatsache bewußt werden, können wir den Fundamentalismus und hoffeentlich alle anderen -ismen aus der politischen Arbeit vertreiben. Ja, ich strebe eine Ideale Gesellschaft an. Aber ich weiß, daß es diese schon aus biologischen Gründen niemals geben wird. Dazu sind die Menschen zu verschieden. Doch das wird mich niemals davon abhalten mein Bestes zu geben um die Saat dieses Ideals an meine Kinder und meine Mitmenschen bestmöglich zu vermitteln.

  4. Manfred Steffan schrieb am

    Sagen wir mal so: Wer keinen weitgefassten geistigen Background für sein Tun hat, sondern sich als vermeintlicher Pragmatiker konzeptionslos von Tagesgeschäft zu Tagesgeschäft schleppt, ist geistig verarmt und wird nichts Grundlegendes ändern. Der weltanschauliche Tiefgang der handelnden Personen ersetzt aber konkrete Partei- und Wahlprogramme und ihre tagespolitische Umsetzung so wenig, wie die Geschäftsphilosophie eines Unternehmens verständliche Gebrauchsanweisungen für dessen Produkte ersetzen kann. Mit dem Propagieren von Visionen kann man bestenfalls als philosophischer Zirkel geistesgeschichtliche Wirkung entfalten, aber nicht im politischen Betrieb mitwirken. Diejenigen, bei denen ihr geistiger Background in konkrete Handlungsanleitungen mündete, haben sich sukzessive aus der Piratenpartei verabschiedet, und nun irren die Visionäre durch die leeren Hallen. Für den derzeitigen Zustand der Piratenpartei sind die internen Streitigkeiten lediglich mittelbar insoweit verantwortlich, als sie Kräfte gebunden haben. Unmittelbar ursächlich ist das nahezu völlige Fehlen von politischer Tagesarbeit (ich habe jedenfalls in den letzten zwei Jahren kaum etwas Piratiges in den Medien zu aktuellen Themen mitbekommen, trotz Steilvorlagen wie z.B. NSA-Skandal).

  5. Rüdiger schrieb am

    Gefällt mir! : “Aus meiner Sicht ist es die historische Aufgabe der Piraten, zu Ketzern und Revolutionären des aktuellen politischen Systems zu werden, die mit immer neuen Experimenten mutig, erst vorbildlich im Kleinen, neue Politik- und Gestaltungsmöglichkeiten ausprobieren und erobern. Das heißt die Rolle des Außenseiters selbstbewusst annehmen.”

    Leider ist derzeit der Einsatz für Frieden ohne Waffen wieder unerlässlich zur Hauptsache geworden.

    Gute Politik erkenne ich an meiner eigenen Selbstbestimmung und der Freiheit des einzelnen. Im Gegensatz zu Fremdbetimmung und Versklavung.

    Regieren ist bei weitem nicht alles. Ehrlichkeit, Wahrheit, Offenheit sind nur einige Eigenschaften, welche in der großen Politik kaum mehr anzutreffen sind. Welche Partei hat eine bessere Hompage, als die der Piraten? Nämlich eine Hompage, welche allen offen steht und jeder mitdiskutieren kann und zudem Kritik willkommen scheint und gegebenenfalls auch zu einer offenen Diskussion führen kann. Mindestens 90 Prozent der regulären Medien tuen ihren Job nicht richtig und tragen somit immer weniger zu einer kritischen Meinungsbildung bei. Sie werden von mir deshalb auch nicht mehr gekauft! Auch wenn ich nicht bedingungslos für die Piratenpartei werben will, so finde ich das Bedingungslose Grundeinkommen eine Sache die längst überfällig geworden ist und auch mit Sicherheit kommen wird. Außerdem fände ich es gut, wenn die Piraten sich von politischen Lügen (Es ist ja kaum noch auszuhalten!) der “real gelebten Politik” in Form einer nachvollziehbaren eigenen Meinung mehr distanzieren würden, weil dies die anderen Parteien ebenfalls nur selten oder erst viel zu spät tun. Dieses betrifft die Lügen der Vergangenheit genauso wie die der Gegenwart. Dafür wäre eine eigene Rubrik durchaus praktisch. Es erleichtert auch viele weitere Diskusionen, wenn bestimmte Dinge, natürlich gut belegt als gegebenenfalls falsch geoutet sind. Das erfordert auch Mut zur Wahrheit an Stellen an die man erst mal nicht gleich gedacht hat. Meine Meinung: Jeder Politiker sollte persönliche Nachteile haben, wenn er Dinge verspricht, welche er nicht einhält, denn in der normalen Wirtschaft funktioniert dies bereits seit langem. Die Piraten mögen Tranzparens, das gefällt mir. Leider funktioniert in einem Pyramidenstruktursystem die Transparenz hauptsächlich nur von Oben nach unten und nur ganz wenig von unten nach oben, deshalb sollten diese Systeme immer auch sehr Kritisch hinterfragt werden.

  6. Martin Wortmann schrieb am

    Toller Artikel, Parzival.Erinnert mich so etwas an meine Studentenzeit als unsere WG auch die Möglichkeit hatte ein Stück Garten zu nutzen. Wir hatten tolle Pläne, es wäre schön eigenes Gemüse zu ernten, ökologisch..klar. Wir haben diskutiert, Bücher über Fruchtfolge, Mist und Saatgut gelesen, Bodenbeschaffenheit, Quellen für Biosaatgut gesucht. Es war eine tolle Zeit und während wir den Jahresplan für die Ernte im nächsten Jahr machten musste auch niemand die Küche aufräumen. Die Zeit ist lange vorbei, unser Gartenstück blieb jungfräulich denn keiner hatte jemals einen Spaten in die Hand genommen. Was du erwartest hat etwas sehr christliches, sehr viel Nächstenliebe, was für uncoole Worte….aber ich lese viel von Achtsamkeit in deinen Zeilen, Rücksicht……und da rast gerade wieder ein Motorrad durch unser Dorf mit gefühlten 150 und einer Lautstärke eines Dampfhammers……und als ich soetwas auf Twitter anspreche bekomme ich von einem Piraten den Tweet…”du Spießer…das macht doch Spaß”……es ist halt noch ein weiter Weg. Gruß Martin

  7. claus martin schrieb am

    Der Artikel ist meines Erachens zu sehr vom marxistischen Klassendenken geprägt. Wir sollten keine Schlagwörter aus der Mottenkiste der Geschichte verwenden, wie Kapitalismus zum Beispiel. Das führt zu unscharfem Denken. Zu viele Worte und keine Taten.Formulierungen wie: “Als Revolutionäre kämpfen wir heute gegen einen zunehmend unsichtbaren Gegner..” sind verräterisch. Sie erinnern mich an all die linken Ideologen, die für die Ermordung von Millionen Menschen verantwortlich sind. Das fängt bereits bei Robespiere und geht dann über Lenin, Stalin, Mao weiter. Auch Castro ist ein Massenmörder. Wir brauchen keine Revolutionen, sonder Evolutionen. Schrittweises Verbessern des Vorhandenen; was wertvoll ist, beibahalten, was nachteilig ist verbessern. Dazu gehört viel harte und zähe Arbeit. Keine Worthülsen.

    • parzival schrieb am

      Hallo Claus,

      danke für deine Anregung. Die Revolution an die ich denke, ist eine gewaltlose Revolution der Geduld mit mutig erst im Kleinen vorgelebten revolutionären Experimenten. Jede andere Revolution frisst in der Regel ihre Kinder, wenn nicht schon ihre Eltern. Es ist weniger eine Revolution der Klassen als eine Revolution des Denkens und der gesellschaftlichen Vorstellungen (BGE, neuer Arbeitsbegriff, Commons, Dezentralität) und des menschlichen Bewusstseins (weniger reines Konkurrenz- und Konsumdenken, mehr Solidarität und gegenseitige Verantwortung). So in etwas kurz angerissen, werde dazu mal einen kleinen Text formulieren.

      Gruß

      Parzival

  8. claus martin schrieb am

    Dieser Argumentation kann ich voll zustimmen. Aber wir sollten dafür andere Begriffe verwenden und die vielfach vorbelasteten Begriffe wie Revolution vermeiden. Du siehst bai mir, welche Assoziationskette das Wort Revolution triggert.

    Vor einigen Jahrzehnten wurden im Zuge der Gemeindereform die Bürgermeister in kleineren Gemeinden abgeschafft. Angeblich, damit die Gemeinden wirksamer verwaltet werden können. Dabei wurde aber auch sehr viel an Gemeinsinn der Bürger zerstört. Vor der Gemeindereform kamen die Bürger in den Dörfern zusammen, diskutierten ihre Probleme und lösten sie, wenn es in ihren Kräften stand. Das wurde durch die brutale Methode der Gemeindereform zerstört. Diese zupackende Art von Bürgern gab es jahrhundelang und wir sollten sie wiederbeleben und alle Verordnungen und Gesetze so modifizieren, dass Bürger wieder mehr selbst bestimmen können, welche Probleme sie gemeinsam lösen wollen und wie. Das muss auch ausserhalb von Vereinen möglich sein, so dass Bürger sich schnell selbst organisieren und handeln können und danach auch wieder auflösen können. Konkret: Im Internet eine Plattform schaffen, auf der jeder Bürger eine “Meckerliste” veröffentlichen kann, was ihm in seiner Gemeinde missfällt und eventuell Vorschläge macht, wie er diese Misstände beseitigen würde, wenn er Mitstreiter hätte. Übergreifend können dann alle Bürger ihre Erfahrungen austauschen. Das Internet stellt die nötigen Kommunikationsmethoden bereit, wie zum Beispiel wikis und webninare. Aber es wird noch der organisatorische politische Rahmen benötigt, damit Bürger nicht in die Arme von politischen Rattenfängern laufen.

  9. Bernd schrieb am

    Fangen wir hinten an.

    Erpressbar in der Politik ist jeder, falls einer eine 100% weiße Weste hat, was sowieso niemand hat, wird der Erpressungsgrund dann eben erst noch geschaffen. Siehe in der Opferrolle Dominique Strauss-Kahn.

    Piraten sind auch keine Revolutionäre. Eine Revolution ist auch nicht anzustreben, denn sie führt zur undemokratischen Neuverteilung von Macht, und diese fällt dann in der Regel in die Hand des Stärkeren, häufig Militärs. Denn wer die Waffen hat, hat recht. Die letzten Revolutionen auf diesem Globus haben stets brutale Gewaltherrschaften generiert mit tausenden bis Millionen Toten.

    Die Zeit der Revolutionsromantik (Maidan, Tahir-Platz etc.) und gefühlter grenzenlosen Freiheit (eher Anarchie) dauerte oft nur wenige Tage, Wochen oder Monate. Das war das Zeitfenster, die die faktisch zur Machtergreifung Befähigten brauchten, um sich zu organisieren und zuzuschnappen.

    Und dass sich, insbesondere in so unorganisierten und offenen Strukturen wie wir sie in der Piratenpartei beobachten, informelle Machtzirkel, später Machtzentren, und zuletzt Lüge und Verrat Platz greifen und das Projekt zerstören ist Legende, und weder neu noch einmalig.

    Der Glaube oder eher die Hoffnung, Piraten seien irgendwie bessere Menschen, trifft, bis auf einzelne Ausnahmen, nicht zu. Piraten sind genau so wie die übrige Bevölkerung jeweils in Teilen egoistisch, auf den eigenen Vorteil bedacht, eitel, narzistisch, dumm, klug, wissend, unwissend, naiv oder auch einfach nur machthungrig.

    Wenn die Strukturen offen und die Vorstandseben schwach ist, wie bisher bei den Piraten, setzen sich die machthungrigeren gegenüber denen, denen Macht nicht so viel bedeutet, durch. Das ist völlig logisch und natürlich. Wenn das Wort ‘Macht’ offiziell in der Partei wie auch in der bundesrepublikanischen Gesellschaft einen schlechten Klang hat, werden Machtbestrebungen verklausuliert (‚wir wollen gestalten’), verdeckt oder vernebelt. Das wiederum bereitet Lüge und Verrat einen guten Nährboden.

  10. Idahoe schrieb am

    @Bernd Deine Aussagen sind in sich widersprüchlich… Sind in einer hierarchischen etablierten Partei nicht die Starken an der Macht? Wenn also die Piraten solche Strukturen schaffen wie in etablierten Parteien, welche andere Ergebnisse sollen denn rauskommen?

    @all Offene Strukturen BEDINGEN die Ablehnung jeglicher Ideologie, denn ansonsten ist eine offene Struktur gerade nicht gewährleistet und genau da hat der Verstand (nicht der Vorstand) versagt. Repressive Toleranz https://www.youtube.com/watch?v=xAUjSRe_lyI

    Dummheit ist nicht das Problem, solange klar ist, daß der Mensch die eigene erkennt, das setzt jedoch Wissen über die eigene Dummheit voraus. Die Grundlage von Macht und des vermeintlich Stärkeren ist immer der Glaube und nicht das Wissen, denn der Glaube reduziert die Welt auf eine leicht handhabbare “Gut und Böse”-Betrachtung. Die Aufgabe eines Piraten ist demnach Aufklärung, für Klarheit zu sorgen.

    Viele, nein, zu viele verwechseln ihren Glauben mit Denken. Es wird “denk selbst” genannt und nicht “glaube selbst”, letzteres ist ein Widerspruch in sich. Vielleicht mal als Anregung für Dich Parzifal Genauso wie formale Logik nichts anderes als reine Dialektik (These-Antithese-Synthese) ist, ist Gotthard Günthers mehrwertige Logik genaugenommen nur mehrwertige Dialektik, denn es geht nur um die Form und nicht um den Inhalt, die Konsequenz. http://is.gd/neudenk

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