Es war ein kurzer Blick auf das Räderwerk des Weltgeschehens

Wikileaks machte uns zum Zeugen eines geschichtlich einzigartigen Vorgangs. Durch die Leaks, oder nutzen wir das weniger spektakuläre Wort Enthüllungen, standen die Mächtigen der Politik plötzlich blamiert vor uns. Aber jede Einschätzung offenbart auch etwas über den, der eine solche Einschätzung abgibt. Und deshalb sahen wir auch ungeschminkt, wie die USA uns, den Rest der Welt, sieht. Doch bleiben die Enthüllungen seltsam folgenlos. Keiner der Blamierten trat zurück, und keiner der Botschafter, die derart respektlose Dossiers verfassten, wurde bisher abberufen. Und auch keines der Gesetze, die innerhalb der EU auf amerikanischen Druck erlassen wurden, kam nach der Enthüllung auf den Prüfstand. Kein Ermittlungsverfahren, das nach US-Drohungen in der Schublade verschwand, wurde wieder aufgenommen. Kein Vertrag, dessen geheime Klauseln dank Wikileaks öffentlich wurden, erfuhr eine Überarbeitung. Stattdessen prüften einige Unternehmen ihre Verträge mit Wikileaks und kündigten sie anschließend. Assange kann es schon als Erfolg werten, wenn er nicht als Verschwörer an die USA ausgeliefert wird. Durch die Veröffentlichung seiner angeblichen sexuellen Eskapaden ist er selbst inzwischen blamiert, wenn nicht gar diskreditiert. Und zumindest Bradley Manning, dem wir die Dokumente über Kriegsverbrechen im Irak verdanken, sitzt bei Wasser und Brot im Militärgefängnis. Andere Informanten werden ein ähnliches Schicksal erleiden. Die Leaks, die bereits auf den Webseiten der Whistleblower veröffentlicht sind, bleiben wohl in der Welt. Und auch die Dokumente, die schon angekündigt, aber noch freigeschaltet werden sollen, bekommen wir sicher eines Tages zu sehen. Neues hingegen sollte man nicht mehr erwarten. Dafür läuft die Zensurmaschinerie, ein weiteres Beispiel für eine unheilvolle Public Private Partnership (PPP), schon zu rund. Regierungen und Unternehmen werden Möglichkeiten finden, ihre Dokumente besser zu schützen. Sowohl mit technischen Mitteln, als auch durch neue Gesetze. Es wäre naiv zu glauben, dass zukünftig Informationen ebenso leicht zu beschaffen und straffrei zu veröffentlichen sind, wie das in der Vergangenheit der Fall war.

Wir können uns in einer Zukunft ohne Whistleblower immerhin noch vor Augen führen, dass sich das Räderwerk des Weltgeschehens weiterhin drehen wird, auch wenn uns die Sicht darauf wieder versperrt ist. Der Schmierstoff wird der selbe sein wie in der Vergangenheit: Geld, Macht, Sex und Einschüchterungen. Und wann immer Verträge geheime Klauseln enthalten, können wir uns sicher sein, dass eine Schweinerei darin steht. Wann immer eine Regierung ein Gesetz erlässt, das dem eigenen Land mehr schadet als nutzt, wissen (!) wir, dass entsprechender Druck ausgeübt wurde. Wann immer ein Herrscher den anderen zum Bruderkuss umarmt, können wir uns denken, dass er hintenrum einen Angriffskrieg vorbereitet. Seien wir nicht naiv, wir dürfen nicht vergessen, was wir durch Wikileaks erfuhren!

Und wïr müssen unsere Haltung gegenüber dem Verschwörungstheoretiker überprüfen. Heute wissen wir, dass nicht jeder, der eine theoretische Möglichkeit ausformuliert, gleich ein Spinner sein muss!

About Michael Renner

Meine Karriere als Redakteur bei der Piratenpartei startete 2009 beim Bundesnewsletter, aus dem 2010 die Flaschenpost hervor ging. Im Sommer 2012 wurde ich stellvertretender Chefredakteur, Anfang 2014 Chefredakteur. Da die unzähligen Aufgaben an der Spitze der Flaschenpost einen Vollzeitjob in der Freizeit mit sich bringen machte ich nach zwei guten, aber auch stressigen Jahren zwei Schritte zurück und gab die Redaktionsleitung ab. Die gewonnene Freizeit wird in die Familie und mein zweites grosses Hobby, den Amateurfunk, investiert.


Kommentare

Ein Kommentar zu Es war ein kurzer Blick auf das Räderwerk des Weltgeschehens

  1. Vor ein Paar Tagen hast du dich köstlich (und zurecht) über Pseudowissenschaften amüsiert, jetzt rufst du dazu auf, Verschwörungstheorien ernst zu nehmen? Ganz abgesehen davon dass kein normaler denkender Mensch Wikileaks brauchte um einzusehen, dass nicht alles so ist wie es auf den ersten Blick scheint, in der Politik schon gar nicht. Ich glaube, wir müssen uns mal wieder unterhalten:)

    Grüße, Boris

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