Jens-Wolfhard Schicke, der Protokollant

– Flaschenpost: Jens, dein Gesicht verbinden viele Piraten mit den Protokollen vergangener Parteitage. Bist du auch in Chemnitz dabei?

Ja klar. Als bekennender Nicht-Kernie kann ich mir unseren Programmparteitag doch schlecht entgehen lassen. Und irgendwer muss ja auch das Protokoll machen…

Flaschenpost: Von Andy Popp stammt der Ausspruch ‘ich kann nicht langsam reden, du musst schneller denken’. Müssen wir schneller lesen wenn du Protokoll führst?

Andy Popp sprach nicht von schneller denken sondern von schneller zuhören. Nachzulesen (natürlich) im Protokoll des letzten Bundesparteitags unter “Tätigkeitsbericht Popp”.

Und falls es wirklich jemanden gibt, der langsamer ließt, als ich tippe, lernt schneller lesen. Wir haben nur ein paar Jahre Zeit, alles relevante zu verstehen bis wir in den Bundestag kommen. Lest Volkswirtschaftslehre, lest Wissenschaftstheorie, was sag ich, lest Wikipedia! Im Ernst: Das Internet ist voll von interessantem Fachwissen. Wir haben die Chance, zu lernen wofür man in der Uni mehrere Leben bräuchte, wir müssen es nur lesen, bevor es veraltet.

– Flaschenpost: Du formatierst das Protokoll ‘on the fly’ und scheinst jeden Protagonisten und jeden Tagesordnungspunkt zu kennen. Bereitest du dich vor?

Wer schneller guckt, sieht, dass die Redner manchmal eine gewisse Zeit den staatstragenden Namen “?????” führen, bis sie sich irgendwo in ihrer Rede doch noch verraten – oder jemand nachfragt.

Ansonsten bin ich natürlich auf Parteitage vorbereitet, schließlich muss ich ja wissen, wann ich meine Stimmkarte heben will und wann nicht.

– Flaschenpost: Es gibt Gerüchte du chattest nebenher. Ist was dran?

Ja klar, als Protokollant hat man schließlich häufiger mal Zeit über – aber darf nicht weg. Was soll ich sonst machen? Von der Bühne runterrufen? In Bingen gab es zum einen den Chat zu den anderen Protokollanten, die – großer Dank dafür übrigens – die Anträge rausgesucht und von Zetteln abgeschrieben haben, zum anderen den IRC um Inhalte oder Redner zu kommentieren. Und weil Klönen zum Parteitag genauso dazugehört wie abstimmen, aber Reden mit dem Nachbarn sich vorne noch schlechter macht als hinten, geht es nunmal nicht anders – “alternativlos” halt.

– Flaschenpost: Was kommt aus den Kopfhörern die du aufhast?

Das Audiosignal. Dann können die Leute vor der Bühne auf den Versammlungsleiter einschreien wie sie wollen, ich höre den Redner am Mikro trotzdem noch. Ätsch.

Flaschenpost: Benutzt du sonst irgendwelche Tricks?

Ein vernünftiges Keyboard-Layout hilft – in meinem Fall ist das eine selbstgefrickelte Variante von “Programmer Dvorak”, aber Hauptsache es ist nicht so bescheuert wie QWERTZ. Und ein richtiger Editor reißt auch einiges.

Und das schwarze Zeug, das ich trinke, sieht aus wie Kaffee – ist aber in Wirklichkeit Espressopulver und Traubenzucker gelöst im normalen Parteitagskaffe. Und normalerweise trinke ich nur Tee, damit Koffein auch wirkt, wenn es soll. Verantwor^WGezielter Umgang mit Suchtmitteln.

– Flaschenpost: Parteitage finden ja nur gelegentlich statt, gibt es für dich andere Aktivitäten in der Piratenpartei?

Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Niedersachsen, semi-regelmäßiger Besuch des Braunschweiger Stammtischs, Mitarbeit in der AG Bildung Niedersachsen, und ganz neu und für einen Informationsverrückten wie mich wie gemacht – das Bundesliquid. Außerdem Mitarbeiter im Translation Team der PPI (auch wenn mir da “von oben” bisher nicht viel zu tun gegeben wurde). Außerdem lese ich alle Mailinglisten in Niedersachsen (ist als Vorsitzender ganz praktisch) und mische mich ab und an irgendwo ein, z.B. um Haushaltspläne zu erklären).

– Flaschenpost: Und zum Abschluss die Standardfrage: wie stellst du dir die Gesellschaft in 30 Jahren vor?

Ganz fieß gespalten in Leute, die Informationsverarbeitung verstehen und sich mit Bots (und im Notfall Amazon Mechanical Turk) alles reinziehen, was sie können und damit einen Arsch voll Geld verdienen (oder sich ein leichtes Leben machen), und solche, die in proprietären Systemen vorgesetzt bekommen, welche Information wichtig ist, was sie als liebstes Essen und wen sie als nächstes auf die Freundes Liste setzen sollen.

Natürlich nicht ganz so schlimm, aber ich glaube, dass sich entlang dieser Achse einiges an Spaltung tun wird, und dass es bisher oft als Bildungsunterschied missverstanden wird.

Ansonsten wahrscheinlich ein bisschen privatwirtschaftlicher, mehr post-gender, und mit noch viel mehr elektronischem Spielzeug. Wenn ich Glück habe auch endlich mit bezahlbaren Gehirnelektroden.

About Michael Renner

Meine Karriere als Redakteur bei der Piratenpartei startete 2009 beim Bundesnewsletter, aus dem 2010 die Flaschenpost hervor ging. Im Sommer 2012 wurde ich stellvertretender Chefredakteur, Anfang 2014 Chefredakteur. Da die unzähligen Aufgaben an der Spitze der Flaschenpost einen Vollzeitjob in der Freizeit mit sich bringen machte ich nach zwei guten, aber auch stressigen Jahren zwei Schritte zurück und gab die Redaktionsleitung ab. Die gewonnene Freizeit wird in die Familie und mein zweites grosses Hobby, den Amateurfunk, investiert.


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