Wenn Staaten in Datenströme eingreifen

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Ich bin Banker. Stellen Sie sich einen Herrn in mittleren Alter vor. Anzug, Krawatte, blaues Hemd, die Haare kurz. Die Bank bei der ich arbeite ist eine gute Bank. Wir “verzocken” nicht das Geld unserer Investoren, nicht das unserer über den Globus verstreuten Kunden und schon gar keine Staatsgelder. Wir arbeiten, das sage ich mit Stolz, grundsolide. Nicht nur an unsere Ethik, auch an die Sicherheit werden hohe Anforderungen gestellt. Buchungen, die Kunden in unserem Onlinebereich tätigen, werden mit einer SMS abgesichert. Das ist der allgemeinen Auffassung nach ungleich sicherer als TAN-Listen auf Papier und auf Reisen ohnehin viel bequemer. Bei diesen Transaktionsnummern aufs Handy fangen aber die Probleme an. Nicht nur in arabischen Monarchien und asiatischen Urlaubsparadiesen verschwinden SMS spurlos; es scheint, als habe sich weltweit eine “wir filtern, was wir können”-Mentalität durchgesetzt. Unsere Kunden zucken bei jeder verschwundenen SMS mit den Schultern und sagen: “Da kam nichts an”, während der jeweilige Mobilfunkanbieter ein “die SMS wurde zugestellt” auf seine Rechnung an uns schreibt.

Von Unternehmensberatern war zu erfahren, dass in vielen Ländern SMS gefiltert werden. Sie verschwinden einfach und erreichen den Empfänger nie. Von den Mobilfunkbetreibern dieser Länder kommt weder das Geständnis, dass sie filtern, noch eine Aussage zu den Kriterien, nach denen eine SMS aussortiert wird. Unsere Kunden konnten so mache Transaktion nicht abschließen; wie viel Geld hier verloren ging, kann nicht abgeschätzt werden. Mithilfe einiger Spezialisten wurden unsere Kurznachrichten nun so verändert, dass sie in keinem Filter mehr hängen bleiben. Für die nahe Zukunft erwarten wir keine Probleme bei der Zustellung mehr. Doch die Filterkriterien können von heute auf morgen wieder geändert werden – und wir als Bank mit unseren Kunden stehen wieder im Regen: Nicht abgeschlossene Transaktionen, geplatzte Verträge, Ärger, Nachfragen und letztlich: Teure Berater, die uns ihr Wissen verkaufen, um die neue Sperre umgehen zu können. Werden Inhalte aus Datenströmen herausgefiltert, kann dabei nur Datenmüll entstehen. Regierungen wären gut beraten, ihre Zensurmaßnahmen zu überdenken. Dass Filter gegen Terror nicht wirken, weiß jeder, der die Nachrichten im Fernsehen verfolgt. Dass das Recht auf freie Information leidet, liegt auf der Hand. Dass auch die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird, wurde mir inzwischen klar.

About Gefion Thürmer

Gefion Thuermer war von 2009-2014 Chefredakteurin der Flaschenpost. Sie hat die Piratenpartei, und mit ihr die Flaschenpost-Redaktion, 2014 verlassen.


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