“Bisher habe ich noch keine illegalen Leser, und ich möchte, dass das so bleibt!”

Lord Schadt über die Digitalisierung von Kunst und zunehmende Parallelen zwischen Musik und Literatur

Theaterstücke unter freier Lizenz

Flaschenpost: Hallo Dirk, wir kennen dich bereits vom verbotenen Braunschweiger Picknick im letzten Jahr, von dem die Piratenpartei auch ganz vehement abgeraten hat. (http://www.piratenpartei.de/node/845)

Du warst mittlerweile sehr aktiv, hast fünf Theaterstücke fertiggestellt und hast angeboten, diese der Öffentlichkeit frei und legal zur Verfügung zu stellen. Interessant ist an diesen auch die hohe Dichte von Zitaten, die die Frage um die notwendige Schöpfungshöhe eigener Werke neu entfacht. Erzähl uns doch einmal, worum es in diesen Werken geht.

Schadt: Ich werde dieses Jahr fünf Theaterstücke veröffentlichen. Eins über Sex, eins über Drogen, eins über Rock’n’Roll, eins über das Theater an sich und eine Liebesgeschichte, die nur aus Zitaten besteht. Ich gehe davon aus, dass sich meine Werke, wenn sie bekannter werden, auch digital verbreiten, und um einer Kriminalisierung meiner Leser vorzubeugen, mache ich meine Werke gleich selbst digital verfügbar.

Filesharing im Literaturbereich

Verfolgst du neben der Entkriminalisierung deiner Leser noch weitere Ziele?

Schadt: Ein zweiter Gedanke ist, dass ich die Diskussion über die digitale Entwicklung im Literaturbereich anregen möchte. Bisher habe ich noch keine illegalen Leser, aber es ist abzusehen, dass es in Zukunft viele Prozesse gegen Leser geben wird, die sich Bücher illegal herunterladen. Die Diskussion über die Zukunft der Literatur findet vor allem hinter verschlossenen Türen statt und einige der beteiligten Akteure sind immer noch der Meinung, dass der Kelch, der die Musikindustrie getroffen hat, am Buchmarkt einfach vorbeigehen wird. Ich denke aber, dass es eben nicht ausreicht, auf die Andersartigkeit des Buchs im Vergleich zur CD setzen. Die Zeit wird zeigen, dass sich Leser schneller anpassen werden, als der Markt sich weiter entwickelt. Daher wird sich die Literaturindustrie umstellen müssen, um zukünftig mit Downloads zu leben und die betroffenen Bevölkerungsschichten nicht zu kriminalisieren.

Du siehst also nicht primär die Politik in der Pflicht, sich Lösungen zu überlegen?

Schadt: Nein, ich denke, das ist eine Aufgabe für die Literaturindustrie. E-Reader werden sich in den nächsten Jahren durchsetzen. Online-Tauschbörsen werden Verlagen ähnliche Probleme bereiten, wie sie die Musikbranche schon hat. Man muss hierbei bedenken, dass die Größe eines Buches in etwa der eines Songs entspricht. In der Zeit, wo man sich also ein Album herunterlädt, kann man mindestens zehn Bücher laden. Ebooks werden in 10 Jahren sehr populär sein. Der Printbuchmarkt wird zum Teil einbrechen, ähnlich wie die Musikindustrie, und wenn sich der Literaturmarkt nicht schnell darauf einstellt, wird die Entwicklung an ihm vorbeigehen.

Spenden als angemessenen Begriff betrachten

Was heißt das denn? Hast dazu schon konkrete Vorschläge?

Schadt: Man sollte zum Beispiel stärker die Möglichkeit des Spendenprinzips in Erwägung ziehen. Ich stelle mir Spenden für Verlage vor, die Werke ihrer Autoren auch online zugänglich machen. Es wird sicherlich einige Leser geben, die ein Buch antesten und anschließend freiwillig spenden. Neue Konzepte wie Flattr sehen vielversprechend aus und weisen den Weg in Richtung fairer und ausgewogener Konzepte.

Vielleicht ist das Problem ja auch der Begriff “Spende”, der schon seit Jahrtausenden den Charakter von etwas Unreinen hat.

Schadt: Nein, keineswegs. Wenn ich ins Theater gehe, gebe ich am Eingang ja auch eine Spende an den Künstler ab. Es gibt auch Künstler, die machen das andersherum und lassen am Ende des Konzertes den Hut rumgehen. Dies kann man genauso Spende wie Gegenleistung nennen. Wer an dieser Stelle spendet, der tut dies jedenfalls, weil er damit zum Ausdruck bringen will, dass er das Konzert genossen hat und weitere zukünftige Konzerte dieser Art damit unterstützen will. Das ist etwas völlig Normales: Geld für eine Gegenleistung. Ob die Leistung eher im Vorhinein, also als eine Art Vertrauensvorschuss bezahlt wird, oder im Nachhinein, ist für mich eine Detailfrage.

Bekanntheit durch soziale Verbreitung

Ist es nicht etwas optimistisch, zu denken, dass die eigenen Bücher raubkopiert werden, wenn sie nicht legal zur Verfügung stünden? Würde sich nicht mancher Autor glücklich schätzen, wenn seine Bücher in Filesharing-Programmen auftauchten?

Schadt: Auf jeden Fall. In der Literatur ist es schwierig, bekannt zu werden, ohne bereits vorher gelesen zu werden. Daher sollte man auch neue Plattformen nutzen, um seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Es gibt ja auch Musiker, die erst dadurch bekannt geworden sind, dass sie ihre Musikvideos bei YouTube oder ihre Musik bei MySpace eingestellt haben. Das sind die neuen Wege, sich einen Namen als Künstler zu machen.

Fühlst du dich nicht unsicher bei dem Gedanken daran, die Kontrolle zu verlieren, auf welchen Wegen deine Kunst kursiert und wodurch es am Schluss genau zu einer Einnahmengenerierung kommt? Was ist mit der Argumentation der Musikindustrie, dass die Digitalisierung von Kunst zu einer Verarmung der Künstler durch die mangelnde Kontrolle über die Verbreitungswege führt?

Schadt: Einen Zusammenhang kann man sicherlich nicht ganz von der Hand weisen. Aber man muss eben auch immer die Chancen sehen dabei. Viele Musiker haben bereits ihr eigenes Label und vertreiben ihre Musik über die von ihnen ausgewählten Wege. Sie haben dadurch auch niemanden mehr, der ihnen vorschreibt, welches Album-Cover sie wählen müssen und insgesamt mehr Freiheiten. Schon heute kann jeder Autor bei Book-on-Demand-Verlagen kostenfrei seine Texte veröffentlichen. BoD erleichtert Veröffentlichungen. Autoren müssen also zukünftig Verleger, Designer und Marketingexperten sein. Ich kann für die Braunschweiger Kulturszene sagen, dass es schon jetzt, bevor die Digitalisierung so richtig begonnen hat, eine sehr arme Szene ist. Alle Schriftsteller, die ich bisher kennen gelernt habe, können nicht von ihrer Arbeit allein leben.

Lesungen als Chance

Gehst du denn davon aus, dass man als sich selbst managender Schriftsteller auch in Zukunft Chancen hat, sich auf dem Markt zu etablieren, sodass man auch davon leben kann?

Schadt: Ich gehe davon aus, dass der Gesamtetat des Geldes, das für Bücher ausgegeben wird, ungefähr gleich bleibt. Sicherlich wird sich die Zusammensetzung des Geldes verändern. Auf der einen Seite werden die Produktionskosten stark sinken: Viele Druckkosten fallen weg, sodass der Gesamtumsatz der Verlage problemlos sinken kann. Auch der Wegfall des Zwischenschritts über den Buchhandel spart einiges. Dahin fließen momentan so um die 30-40 % des Geldes, das für Bücher ausgegeben wird. Vielleicht werden Leser dieses Geld für Lesungen, Spenden oder Merchandising-Produkte für Bücher ausgeben.

Du erwähnst Lesungen. Für wie wichtig schätzt du diese für die Zukunft der Literatur ein?

Schadt: Literatur wird definitiv mehr zum Event. Dieser Punkt gilt nicht für alle Autoren, es zeichnet sich jedoch ab, dass Verlage bei sinkenden Einnahmen von gedruckten Texten versuchen, über andere Quellen Einnahmen zu generieren. Autoren werden somit zu Marken, die über vielfältige Vertriebskanäle vermarktet werden. Das Hörbuch zur Lesung zum Film zur Multimediashow zum Parfüm zur Kaffeetasse zum Buch wird keine Ausnahmeerscheinung sein. Attraktivität und Eventcharakter von Lesungen werden sicherlich in Zukunft in einem ähnlichen Umfang ansteigen, wie dies für Konzerte in den vergangenen Jahren bereits geschehen ist.

Zitierpflicht und kreative Eigenständigkeit

In deinem Werk “Lost Modern Love” ist lediglich das Vorwort und das Schlusskapitel von dir. Der Rest des Textes besteht aus Zitaten aus anderen Werken. Wie begründest du die notwendige Schöpfungshöhe, um den Text als eigenständiges Werk zu bezeichnen?

Schadt: Die Zitate werden in einem bestimmten Zusammenhang benutzt, der nicht notwendigerweise dem des Originals, also des Fußballerzitats, des Werbeslogans, des Hollywood-Zitats oder der Zeile eines Popsongs entspricht. Ich denke, dass Kopieren und Weiterverarbeiten erlaubt sein sollte, solange das neue Werk ein eigenständiges künstlerisches Werk ist.

Kann man das denn auch mit längeren Passagen machen? Wäre also die Vorgehensweise von Helene Hegemann bei ihrem Buch Axolotl Roadkill in Ordnung gewesen, wenn sie Fußnoten benutzt hätte?

Schadt: In der Postmoderne ist das normal. Die meisten Werke sind Referenzen an andere Werke. Sie ist jung und konnte daher noch nie selbst ins Berghain gehen. Insofern kann man ihr Vorgehen eigentlich auch Recherche nennen. Nur dass sie ihre Recherchearbeit nicht ausreichend offengelegt hat.

Was ist denn noch typisch für die Postmoderne?

Schadt: Letzten Endes gibt es nichts wirklich Neues mehr. Wir hatten schon alle Skandale, ein Großteil der Geschichten sind schon erzählt. Bei vielen Geschichten kann man sogar auf Shakespeare zurückkommen, die Erzählmuster sind die gleichen. Und Shakespeare selbst war sogar schon einer der größten Diebe. Macbeth ist zum Beispiel eine alte Story. Jede Generation packt Geschichten in neue Gewänder, um sie weiterzugeben.

Deine Werke sind teilweise recht anspruchsvoll. Wie empfiehlst du jemandem, der sie runterlädt, sie zu lesen?

Schadt: Insgesamt lesen sich die Texte am besten in verteilten Rollen. Die Kapitel II und IV des Buchs Lost Modern Love lassen sich auch sehr gut auf Partys oder auf kleinen Bühnen vorlesen. Gerade bei Menschen zwischen 20 und 40 führt das Hören der Zitate zu einem Erinnern an die eigene Jugend, was sehr schön sein kann.

Autor: Fabio Reinhardt

About Gefion Thürmer

Gefion Thuermer war von 2009-2014 Chefredakteurin der Flaschenpost. Sie hat die Piratenpartei, und mit ihr die Flaschenpost-Redaktion, 2014 verlassen.


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