Die Nacht ist mein Freund, Teil 3

Stuttgart Panorama bei Nacht | CC BY 2.0| Juergen Adolph |

Kommentare

2 Kommentare zu Die Nacht ist mein Freund, Teil 3

  1. Jürgen Stock schrieb am

    Nicht schlecht, wie Hans vom Schloß in seinem kleinen Dreiteiler zusammenbringt, was zum einen Marc Elsberg in „Zero“ (München 2014, ISBN 978-3-7645-0492-2), zum anderen Ulrich Horstmann/Gerald Mann in „Bargeldverbot“ (München 2015, ISBN 978-3-89879-933-1) beschrieben haben, und was im Grunde hineinreicht in die aktuellen Diskussionen von Share Economy, Giftstoffen in Lebensmitteln, den Tafeln bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Es ist wichtig, diese Themen zusammen zu sehen und nicht nur isoliert. Warum? Weil wir am Ende der Industrialisierung vor Umbrüchen stehen, ohne zu wissen, wie die Welt morgen aussehen wird. Wenn wir die gegenwärtigen Krisen – Syrien, IS, Ukraine, Euro, Flüchtlinge etc. – als die ausschlaggebenden Entwicklungen sehen, gehen wir fehl. Sie sind eher Symptome denn die Sache selbst. Wenn wir also über den Rand des Tellers, in dem uns die Aktualitäten serviert werden, hinaus schauen, sehen wir Bedrohungen, die wir zum Teil sehenden Auges in Kauf nehmen oder freiwillig eingehen. (Oder müssen wir sagen „noch freiwillig“, wenn wir an Steve Königs Flaschenpost-Beitrag „Auf dem Weg in die orwellsche Dystopie“ denken?)

    Genau da bei den Bedrohungen muss man ansetzen, das sehe ich genauso wie Hans vom Schloß. Das Umschlagen vom systemkonformen Funktionieren zum Widerstandshandeln geht mir gleich zu Beginn des zweiten Teil der Geschichte zu schnell, unter schriftstellerischen Aspekten, ist aber vielleicht nur der gebotenen Kürze geschuldet. Aber eines stimmt, und das sollten die amerikanischen oder chinesischen und woher-auch-immer Zuckerbergs wissen, jegliches technische System lässt sich austricksen. Wenn das aber schon alles wäre. Ist es aber nicht. „Die Frustrationsschwelle ist niedrig geworden gerade bei jungen Menschen, die gestern noch beseelt davon waren, sich gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem aufzulehnen.“ Den ersten Teil kann ich unterstreichen, ich arbeite mit jungen Menschen. Auch wenn sie das politische Geschehen verstehen, politisch aktiv sind sie zumeist aber nicht. Das sind nur die „Angepassten“. Die eher kritisch eingestellten sehen in der heutigen Politik keine Chance auf Veränderung. Der zweite Teil, „… die gestern noch beseelt davon waren sich gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem aufzulehnen“, das ist ja wohl eher unsere Generation. Wenn unser bisheriges politisches Vorgehen nicht allzu erfolgreich war und andererseits sich Fazzebook und Co. zu verweigern uns auch der Lösung der Zukunftsprobleme nicht näher bringt, ja was dann? „Beschränkung aufs Wesentliche, Befreiung von Ballast, Entschleunigung des Lebens“ sind auf der individuellen Ebene sicher ein Weg. Ist das aber schon politisch? Weil das Private immer schon politisch wäre? Allenfalls, wenn die Beschränkung, Befreiung vom Zuvielen und die Entschleunigung eine Massen- oder zumindest einen Mehrheitsbewegung wäre. Aber selbst dann brauchte sie einen politische Artikulation, die wählbar ist. Solange wir in einem demokratischen Kontext denken, müssen Mehrheiten gebildet werden, und wir müssen Mehrheiten in unserem Sinne gewinnen, wollen wir erfolgreich sein. Und in einer Demokratie lautet die Frage sehr wohl, „wo die Grenzen des anderen beginnen, um sie nicht zu überschreiten“. Ich zweifele daran, ob unser „Individualität unser höchstes Gut“ ist. Zunächst ist Individualität eine Kollektiveigenschaft der Menschen der modernen westlichen Zivilisation – mehr nicht, möchte ich sagen. Eine Eigenschaft, die, wenn sie von den Individuen falsch verstanden wird, dann zu einem existentiellen, manchmal existenziell bedrohlichen Gegeneinander führt. Und da sei die Lösung: „Wir glauben daran, dass Menschen herrschaftsfrei ohne Staat leben können.“ Nein. Demokratie ohne staatliche Verfassung heißt auch Demokratie ohne Gewaltmonopol. In einer solche Demokratie gäbe es nicht die Machtmittel, (korrekt zustande gekommene) Mehrheitsbeschlüsse durchzusetzen und sich nach außen zu schützen. „Die Strukturen einer sterbenden, konsumorientierten Weltordnung lassen keine Alternativen zu.“ Alternativlos stellt auch Kanzlerin Angela „Tina“*) Merkel ihre Politik dar. Alternativlose argumentieren nicht, sondern arbeiten mit Totschlagphrasen, sind autoritär, und definitiv nicht demokratisch. Ich will Hanns vom Schloß weder in die Nähe von Merkel noch von AfD oder Pegida stellen, aber ich warne vor solchen Formulierungen, etwas sei alternativlos.

    Sicher, die heutige Weltordnung ist konsumorientiert, und so wie sie ist, ist sie kein Modell für die Welt, weil die Erde das nicht liefert, nicht aushielte. Aber die Metapher, sie sterbe, ist falsch. Nach der großen Wende 1990 und dem Ende der Sowjetunion wurde viel von einer Neuen Weltordnung „mit Friedensdividende“ geredet. Selbst George Herbert Walker Bush, der dann den Krieg gegen den Irak zur Befreiung Kuweits geführt hat, sprach davon. Die Neue Weltordnung war möglich, aber nicht alternativlos. Und, ist sie gekommen? Nein, offensichtlich nicht. Vielmehr haben wir eine Weltunordnung bekommen, wie wir sie uns nicht vorstellen konnten. Diese sterbe, und die staatenlose hierarchielose horizontale Struktur kommt nun alternativlos als unsere Zukunft? Seltsam gestaltlos kommt das daher.

    Auch wenn es im Augenblick nicht ganz so aussehen mag, in Europa leben wir auf der Insel der Glückseligen. Allerdings geraten uns die dieses Glück begründenden Werte gerade ein wenig aus den Augen. Sie wiederzubeleben und zu leben ist die Zukunft, und ich möchte denjenigen sehen, der sich hinstellt und sagt, diese Werte würden die Welt zwangsläufig und unvermeidbar in den endgültigen Abgrund, in die Auslöschung führen. Demokratie westlichen Zuschnitts ist zu Korrekturen fähig, und das kann die Welt befähigen, auch wenn selbst diese Demokratie nicht unbedingt ein Weltmodell ist. Heute.

    Vielleicht ist es unglücklich, dass die Reise durch die freundliche Nacht im dritten Teil von einer Erzählung zu einem politischem Statement gerät.

    Die Nacht ist mein Freund? Vielleicht, ich liebe Ruhe der späten Nacht. Wenn ich träume, dann aber tags, hellwach und von einer Zukunft, die es zu gestalten gilt. Die nicht alternativlos vorgegeben ist, denn das wäre keine Zukunft.

    *) Tina = „There is no alternative“

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