NEUES AUS DEN MEDIEN geschrieben am: 18.07.2012 um 19:52 Uhr

Beste Bildung für alle! Wirklich?

“Beste Bildung für alle” “Damit alle Kinder durchstarten können, wollen wir individuelle Förderung, gute Ganztagsschulen und dort Gemeinschaftsschulen, wo die Menschen vor Ort dies wollen. Eine Schulreform von unten lässt eine neue Schulkultur wachsen – und die Schule bleibt im Dorf. Die unsozialen Studiengebühren werden wir abschaffen, die Studienbedingungen verbessern.” Quelle: Wahlprogramm Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg

Am 9. Juli veröffentlichte der Rechnungshof Baden-Württemberg seine “Denkschrift 2012″. In Beitrag 13 mit dem sperrigen Titel “Demografische Entwicklung der Schülerzahlen und ihre Auswirkungen auf den Lehrkräftebedarf an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen” findet sich die folgende Empfehlung:

“Eine Haushaltssanierung des Landes ist ohne die Einbeziehung des Personals aus dem Bildungsbereich nicht denkbar. [...] Legt man [...] die stark verbesserte Lehrerausstattung von 2011 zugrunde, so ergeben sich für die folgenden zehn Jahre (bis 2021) rechnerisch 13.100 abbaubare Stellen.”

In einem anderen Absatz des Berichts werden unter den Begriffen “demografische Rendite” und “Nettorechenmodell” 8.500 Stellen genannt, unter “Bruttorechenmodell” 14.100.

Am 11. Juli 2012 sagte Ministerpräsident Kretschmann gegenüber “Spiegel Online”: “Selbstverständlich wird das Kultusministerium in erheblichem Umfang beitragen müssen zur Sanierung des Haushalts [...] Die 8.055 Stellen werden selbstverständlich wegfallen bis 2020.”

Die im Bericht verwendete Grafik könnte man als Lehrbeispiel für Manipulation verwenden: Statt absoluter Zahlen werden Prozentwerte gezeigt. Je nachdem welches Jahr man als 100% ansetzt, kann die Kurve steigen oder fallen. Die y-Achse beginnt nicht bei 0, damit der Rückgang der Schülerzahlen dramatischer aussieht. Natürlich werden die Zahlen auch als Tabelle gezeigt. Aber wer liest die schon, wenn ein schickes Diagramm daneben steht?

Vergleich Schüler- / Lehreranzahl BW

Grafik des Rechnungshofs Baden-Württemberg

Die Daten kommen vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg. Dort findet man die unten stehende Grafik. Und schon sieht alles viel weniger dramatisch aus.

Diagramm Schülerzahlen Baden-Württemberg

Quelle: Statistisches Landesamt BW

Für einen objektiven Vergleich braucht man die Anzahl der beschäftigten Lehrer in den vergangenen Jahrzehnten. Und die zu haltende Stundenzahl. Wobei man auch damit noch sehr aufpassen muss. Wenn z. B. eine Klasse statt 30 Schülern 50% weniger, also nur noch 15 Schüler hat, kann man deshalb trotzdem keinen halben Lehrer einsparen.

Außerdem steigt die Stundenzahl ständig: 35-Stunden-Wochen sind für Schüler in der 8. Klasse keine Seltenheit. Dazu kommt der Trend zu mehr Ganztagsschulen, zusätzliche Arbeiten wie Poolstunden und Hausaufgabenbetreuung.

Obwohl alle Politiker ständig die Wichtigkeit der Bildung betonen, obwohl im Landesportal Baden-Württemberg die Rede ist von der “anhaltend guten wirtschaftlichen Lage in Baden-Württemberg”, obwohl Geld für das umstrittene Milliardengrab »Stuttgart 21« da ist – bei den Schulen wird der Rotstift angesetzt.

Derweil haben die Lehrer in Baden-Württemberg ganz andere Probleme: Der Philologenverband verteilt Formulare (doc-Format) zum sogenannten Bugwellenabbau. Damit ist der Abbau der vielen Überstunden gemeint, die Lehrer im aktuellen und in vergangenen Schuljahren geleistet haben. Umgerechnet 1.400 Lehrerstellen (Pressemitteilung des PhV BW).

geschrieben von: Klaus
geschrieben am: 18.07.2012 um 19:52 Uhr
abgelegt unter: Neues aus den Medien
getaggt mit: , ,

MEHR ZUM THEMA Bildung

Bisher wurden 8 Kommentare geschrieben

  1. geschrieben von: Robert Mueller am: 18. Juli 2012

    Beste Bildung für alle? Da kann ich nur lachen. In der Realschule, die meine Kinder besuchen, unterrichten heute bei weitem nicht nur Lehrer. Der Mathe-Lehrer beispielsweise ist eine Kraft, die erst auf dem Weg ist, Lehrer zu werden. Diese Kraft taugt bestenfalls zur Ausbildung von Grundschülern, keinesfalls aber für Schüler mit dem Bildungziel Mittlere Reife. Warum sind an unserer Schule unkompetente Kräfte? Weil es angeblich nicht ausreichend Lehrer gibt. Als ich noch zur Schule ging (gleiche Realschule) war das anders. Damals hatten wir bestens ausgebildete, echte Lehrer! Es ist eine wahre Schande, was in unserem Land passiert!!!


    Diesem Kommentar antworten
    • geschrieben von: Marina Haas am: 19. Juli 2012

      Es ist leider so, dass es jetzt schon zu wenige Lehrer gibt. An der Relschule meiner Tochter ist auch immer wieder Unterricht ausgefallen. Oft habe ich dort angerufen und nachgefragt, ob der Unterricht wirklich später beginnt oder früher aufhört und es wurde mir vom Sekretäriat fast immer bestätigt. Es wundert mich, dass meine Tochter überhaupt einen Realschulabschluss bekommen konnte. Fehlstunden sind auf dem Abschlusszeugnis gar nicht erwähnt worden. Warum auch ? Die Lehrer waren ja zu diesen Zeiten meistens auch nicht da.


      Diesem Kommentar antworten
    • geschrieben von: Lutz Häschel am: 1. November 2012

      Viele Versprechungen, doch in der Realität regiert in der Bildung der Rotstift. Das Einsparen der Förderschulen suggeriert eine optimale Bildung für alle. Was bei den Inklusionsschulen mit zunehmender Anzahl von Kindern mit psycho-sozialen Problemen und Auffälligkeiten herauskommen wird: Amokläufe an Oberschulen, Drogendealerei, mehr Gewalt, weniger Stoffvermittlung. Im gleichen Maße wächst die Zahl der Privatschulen und deren Gebühren, da Eltern händeringend eine Alternative zum Sparangebot der Regierenden suchen. Pisa lässt grüßen. Mit unserem Ganztagsbildungszirkus werden wir kontinuierlich durchgereicht. Hinzu kommt die wahllose Versetzung der Lehrkräfte durch die Amtsschimmel. Das geht einfach nur noch den Bach runter.


      Diesem Kommentar antworten
  2. geschrieben von: C3_OP am: 19. Juli 2012

    Da sollte man sich ein Beispiel an Spanien nehmen:

    “In vielen Einrichtungen hatten Aktionen sogar schon am späten Montag begonnen. Aus Protest wurden Schulen und Universitäten zum Teil nicht verlassen. Auch Eltern und Lehrer besetzten sie aus Protest für 24 Stunden. Am frühen Dienstag kam es zu ersten Demonstrationen. Zum Teil blockierten Studenten auch Straßen und Autobahnen wie die AP-7 im morgendlichen Berufsverkehr, die an der Autonomen Universität in Barcelona vorbeiführt. In der katalanischen Metropole demonstrierten bereits am Mittag zehntausende Menschen. Am Abend wiederholte sich das Bild auch in Madrid und in vielen anderen Städten.’Die Bildung ist kein Kostenfaktor sondern eine Investition. Nein zu den Kürzungen’, lautete das gemeinsame Motto…” http://www.heise.de/tp/blogs/8/152048


    Diesem Kommentar antworten
  3. geschrieben von: maurice dubois am: 20. Juli 2012

    leider wird bei all den Kommentaren verkannt, dass Deutschland und der Rest Europas in einem Konkurrenzverhältnis untereinander und zu anderen Staaten in Asien und Amerika stehen. Das heisst , es muss billig produziert werden, die Kosten müssen runter, insbesondere die des Staats. Deutsche Lehrer und Kulturbeamte werden gemessen an mitteleuropäischen Ländern überbezahlt. Beispiel: ein Mathematiklehrer in Tschechien verdient 800 Euro / Monat bei Lebenskosten , die bestenfalls 1/3 unter den Teuro-deutschen liegen. Was bekommt ein Lehrer in Rumänien, Ungarn, Slowakei??? Wenn ihr euren Besitzstand retten wollt, müsst ihr die Globalisierung beenden! Zollbarrieren aufbauen, Produkte boykottieren, die auf Grund von Sozial-und Umweltdumping billig sind, usw. Wenn es da keine kohärente Politik gibt wird es dem Land so gehen wie Nokia: durch falsche Politik gibt es erst weniger , dann gar keine Arbeitsplätze mehr, denn die sind dann nach Korea abgewandert. Ich halte die Überbezahlung (gemessen an den Standards anderer Länder) des ÖD und der Lehrerschaft in Westeuropa für falsch solange es diesen gnadenlosen Konkurrenzkampf mit genannten Dumpingstaaten gibt. Ich halte es für falsch dass ein Lehrerehepaar fast 6000 Euro Rente bekommt, das ist das Niveau in D , in F und etwa auch in ESP. Es muss auch über eine andere Ungerechtigkeit gesprochen werden: jüngere Kollegen werden z.B an den Universitäten mit Zeitverträgen abgespeist die von Semester zu Semester verlängert werden. Ich kenn einen Fall, der macht das seit 10 (!) Jahren. Gleichzeitig verbringen Professoren ihre Zeit mit Privatauftägen, die sie sich extra gut bezahlen lassen. Ich habe da mal einen Protest abgelassen an das Bremer Kultuministerium. Antwort: ” zur Zeit sind wir wegen Ferien und Anfragen überlastet und bitten Sie…zu warten.” Was ist solch eine “Arbeit” wert??? Also, die Eigeninteressen die Ihr hier als Protest formuliert bleiben steriles Gejammer solange ihr nicht an den Strukturen ansetzt. Das ist meine Meinung, auch wenn sie nicht gefallen mag. Was der Protest in Spanien angeht so ist das ein ähnlicher Schwachsinn wie der in Griechenland. Das “Volk” wurde Jahrelang durch Wahlgeschenke bei Laune gehalten, die bei niedriger Produktivität natürlich zu den Haushaltsdefiziten führten , die sie/wir heute ausbaden sollen. Gerade hat euer D- “Parlament” für eine 100 Milliardenhilfe für spanische Banken gestimmt. Ein Lehrer verdient übrigens dort ähnlich wie in D. Deshalb sind die Preise auch inflationär hoch. Mit 2000 Euro/ Monat kann der dann locker eine Hypothek für eine überteuerte Immobilie aufnehmen…und wir haben eine hausgemachte Immobilienblase. Maurice


    Diesem Kommentar antworten
    • geschrieben von: KptenEisenkralle am: 20. Juli 2012

      Hallo Maurice, deine Erkenntnis kann ich nur voll unterstützen. Jetzt frage ich dich aber, wieviele Menschen in unsere Bevölkerung sind in der Lage solche oder ähnlich geartete Zusammenhänge zu erkennen. Ich gehe noch weiter, es ist meine feste Überzeugung das ein Großteil unserer Abgeordneten nicht den geringsten Durchblick bei der Eurokrise haben, dann aber trotzdem entscheiden. Wo soll das alles nur enden? Es kann nicht gut ausgehen…… K.


      Diesem Kommentar antworten
  4. geschrieben von: ron am: 21. Juli 2012

    Anscheinend wollen die Grünen ihr Ideal einer neuen deutschen Gesellschaft in Baden Würtemberg verwirklichen: Ein Leben wie im Mittelalter.

    Deutschlands einzige Stärke sind seine gut ausgebildeten Bürger. Wenn man an der Bildung spart, ist das unverantwortlich. Wir sollten erst einmal die Verschwendung von Steuergeldern beenden.


    Diesem Kommentar antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>